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Title:
[Schuljahr 4, [Schülerband]]
Persons:
Vollert, Paul
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-16156873
<br> fröhlichen Hochzeit verlebten die beiden glückliche Tage. Endlich <br> fiel es dem Manne auf, daß er nie eine Thräne in den Augen <br> feiner schönen, sanften Frau sah, — auch dann nicht, wenn er sie <br> einmal im Zorn gekränkt hatte. Sie sah ihn dann nur so schmerzlich <br> mit umflorten Augen an, daß er es viel lieber gesehen hätte, wenn <br> ihr die Augen in Thränen übergegangen wären. Als er sie da¬ <br> her eines Tages fragte, wie es komme, daß sie nie weine, gab <br> sie ihm traurig zur Antwort: „Ach, ich möchte oft gar gern wei¬ <br> nen, aber ich habe keine Thränen. Als ich noch ein kleines Mäd¬ <br> chen war, konnte ich meine Schmerzen ausweinen; aber meine <br> Augen wurden plötzlich trocken, und ich habe nie wieder weinen <br> können." Da bedauerte der Mann sein armes Weib, hatte es <br> aber um so lieber und war um so mehr darauf bedacht, ihm <br> keine Ursache zu Kummer und Schmerz zu geben. <br> Nach zwei Jahren schenkte Gott der sanften, thränenlosen <br> Frau ein schönes Knäblein. Nun hätte sie in ihrem Mutterglück <br> gern Freudenthränen vergossen; aber sie konnte das Kind nur <br> mit vor Freude leuchtenden Augen ihrem Manne auf die Arme <br> legen, der es laut jubelnd nahm und mit ihm im Zimmer auf <br> und nieder tanzte. <br> Eines Tages wurde der schöne Knabe krank und schwand sichtbar <br> dahin, ohne daß der Arzt einen Rat wußte. So oft der Vater <br> sein liebes Kind anblickte, füllten sich seine Augen mit Thränen; <br> die arme Mutter aber saß Tag und Nacht mit thränenlosen Au¬ <br> gen neben dem Bette ihres Kindes und lauschte auf jeden Atem¬ <br> zug. Als sie nun wieder einmal tief in der Nacht allein an dem <br> kleinen Bette saß, hörte sie plötzlich den Atem ihres Kindes nicht <br> mehr gehen; sie beugte sich voller Angst auf den Kleinen herab; <br> seine Augen waren gebrochen, das Kind war tot. Da schrie sie <br> laut auf, und als ihr Mann herbeikam, fiel sie ihm weinend um <br> den Hals und führte ihn zu der kleinen Leiche, und ihre heißen <br> Thränen fielen auf das schöne, bleiche Kindergesicht. Der Zauber <br> war gelöst; denn sie hatte das schwerste Leid erfahren, das über <br> ein Menschenherz kommen kann, den tiefsten Schmerz einer <br> Mutter. Sie weinte und weinte den Pfühl naß, auf dem das <br> Kind lag, und — plötzlich regte sich das Kind, schlug die Augen <br> aus und streckte die kleinen Arme der Mutter entgegen. Die