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Title:
Deutsches Lesebuch für die Oberstufe mehrklassiger Schulen
Persons:
Ruete, Hermann Bürkner, Hugo Schumann, Johann Christian Gottlob
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-18713192
<br> 179 <br> 46. Ortwein begann zu fragen die herrliche Maid — <br> Sie schämte sich darüber, es war ihr selber leid —, <br> Ob sie nicht anders dienen könnten hier im Lande, <br> Als daß sie Kleider zu allen Zeiten wüschen hier am Strande. <br> 47. „Nun sagt mir, Frau Schwester, wem ihr die Kinder gabt, <br> Die ihr dem König Hartmut seitdem getragen habt, <br> Daß ihr so alleine waschet auf dem Griese? <br> Seid ihr des Landes Königin, das läßt man euch gar übel hier genießen." <br> 48. Sie sprach zu ihm mit Weinen: „Wo nähm' ich Kinder her? <br> Wohl wissen alle Leute in König Hartmuts Heer, <br> Daß er mir vergebens solches stets geheißen, <br> Daß ich ihn nehmen sollte; drum muß ich saurer Arbeit mich befleißen." <br> 49. Da sprach der König Herwig: „Wohl mögen wir gestehn, <br> Uns ist auf dieser Reise so großes Glück geschehn, <br> Besser konnt' es wahrlich nimmer uns gelingen; <br> Nun laßt uns nur eilen, daß wir sie weg von diesem Strande bringen." <br> 50. Da sprach der Degen Ortwcin: „Nicht doch, daß thu' ich nie; <br> Und hätt' ich hundert Schwestern, all' sterben ließ ich sie, <br> Eh' ich mich in der Fremde so feige wollte hehlen, <br> Die mit Gewalt sie nahmen, meinen grimmen Feinden wegzustehlen." <br> 51. Da sprach der Held von Seeland: „Mir schasst die Sorge Pein, <br> Wird man unser innen, daß man die Mägdelein <br> So weit von hinnen führe (drum mag uns Hehlen frommen), <br> Daß sie uns all' ihr Leben nimmer.wieder vor die Augen kommen." <br> 52. Da sprach aber Ortwein: »Wie so verließen wir <br> Das edle Ingesinde? Es hat so lange hier <br> Geharrt im fremden Lande, es mag sie wohl verdrießen. <br> Meiner Schwester Gudrun sollen ihre Mädchen all' genießen." <br> 53. Da sprach König Herwig: »Was hast du wohl im Sinn? <br> Meine Herzgclicbte, die führ' ich mit mir hin! <br> Thun wir, was wir können, hernach für jene Frauen." <br> Da sprach der Degen Ortwein: „Eh laß ich mit der Schwester mich zerhauen." <br> 54. Da sprach die Tiefbetrübte: „Was hab' ich dir gethan, <br> Lieber Bruder Ortwein? deine Augen sahn <br> Sie je mich so gebühren, daß man mich dürfte schelten? <br> Ich weiß nicht, welcher Dinge du edler Fürst mich heute läßt entgelten." <br> 55. „Ich thu' es, liebe Schwester, nicht aus Haß zu dir; <br> Doch deine edeln Maide nur also retten wir. <br> Ich kann dich nicht von hinnen führen als in Ehren; <br> Du sollst unbescholten Herwig deinem Liebsten Minne gewähren." <br> 56. Sie giengen zu den Schiffen: da klagte laut die Maid. <br> Sie sprach: „O weh mir Armen! Nun ist endlos mein Leid; <br> Auf die ich immer hoffte, da mich die verschmähen, <br> Daß sie mich lösen würden, wann soll ich dann die Heimat wiedersehen?" <br> 57. Die kühnen Degen eilten zum Gestade jach; <br> Gudrun die arme rief Herwigen nach: <br> „Einst war ich die beste, ~ nun gelt' ich für die böste! <br> Wem läßt du mich, und wessen soll ich arme Waise mich getrosten?" <br> 12*