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Title:
Lesebuch zur Geschichte der deutschen Literatur alter und neuer Zeit
Persons:
Weber, Georg
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-20098691
<br> Alkdeutsche Literatur. <br> Das Meer allenthalben noch mit dem Eise floß, <br> Das sich zerlassen wollte; ihre Sorge die war groß. <br> Durch die Hemden schienen weiß wie der Schnee <br> Die minniglichen Glieder; ihnen schuf die Scham vor Fremden Weh. <br> Herwig der edle ihnen guten Morgen bot; <br> Wohl wär den Heimathlosen ein guter Morgen Noth. <br> Von ihrer bösen Meisterin hörten sie nur Schelten: <br> Guten Morgen, guten Abend kam den Minniglichen selten. <br> „Ihr sollt' uns hören lassen,“ sprach Herr Ortewein, <br> „Wem diese reichen Kleider auf dem Strande sein, <br> Oder Wem ihr waschet: ihr beiden seid so schöne, <br> Wer thut euch das zu Leide? daß ihn Gott vom Himmel immer höhne! <br> „Wem ist dieses Erbe und dieses reiche Land, <br> Dazu die guten Burgen? wie ist er genannt? <br> Daß er euch ohne Kleider läßt so schmachvoll dienen: <br> Wollt' er auf Ehre halten, euch anders zu behandeln würd' ihm ziemen.“ <br> Noch zitterten vor Kälte die schönen Mägdelein; <br> Da sprach der König Herwig: „Möchte das doch sein, <br> Daß es euch Minnigliche deuchte keine Schande, <br> Wenn ihr edeln Mädchen unsre Mäntel trüget auf dem Strande.“ <br> Da sprach die Tochter Hildens: „Gott laß euch selbst gedeihn <br> Eure Mäntel beiden! Nie an dem Leibe mein <br> Sollen Jemands Augen Männerkleider sehen.“ <br> Wenn sie sich erkennten, ihnen könnte Liebres nicht geschehen. <br> Oftmals blickte Herwig die Jungfrau forschend an; <br> Sie schien so schön dem Degen und auch so wohlgethan, <br> Daß es ihn im Herzen oft zum Seufzen brachte: <br> Sie glich so sehr der Einen, an die er oft gar inniglich gedachte. <br> Da sprach von Ortland wieder der König Ortwein: <br> „Ich frag' euch Mädchen beide, sollt euch bekannt nicht sein <br> Ein fremdes Ingesinde, das kam zu diesem Land? <br> Eine war darunter, die wurde Gudrun genannt. <br> Sie sprach: <br> Ich bin auch Eine deren, die mit Hartmuths Heer <br> Im Streit gefangen wurden und geführet über Meer. <br> Ihr suchet Gudrunen: das thut ihr ohne Noth, <br> Die Magd von Hegelingen fand vor großem Leid den Tod.“ <br> Da thränten Ortweinen seine Augen licht; <br> Die Kunde ließ auch Herwig unbeweinet nicht. <br> Als sie das vernahmen, daß gestorben wäre <br> Die Magd von Hegelingen, das belud ihr Herz mit großer Schwere. <br> Als sie die Helden beide vor ihr weinen sah, <br> Die geraubte Jungfrau sprach zu ihnen da: <br> „Ihr gehabt euch also bei dieser Trauermäre, <br> Als ob die edle Gudrun euch verwandt, ihr guten Helden, wäre.“ <br> 34