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Title:
Carl Wolff's historischer Atlas
Persons:
Wolff, Carl
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-5793325
<br> ERLÄUTERNDE BEMERKUNGEN. <br> No. 1. <br> Europa um das Jahr 500 n. Chr. <br> Das oströmische Reich im wesentlichen in¬ <br> tact, das weströmische in Trümmern: das ist das <br> Ergebniss des Jahrhunderte langen Anstürmens deutscher <br> Völker gegen das römische Reich, welches auf diesem <br> ersten Blatte zur äusseren Darstellung gebracht wird. Auf <br> den Ruinen des abendländischen Reiches haben sich, ge- <br> wissermassen als Grossmächte der neuen Zeit, die Reiche <br> der Vandalen, der Westgothen, der Franken und <br> der Ostgothen erhoben, neben und zwischen ihnen be¬ <br> stehen als Staaten zweiten Ranges diejenigen der Sueven <br> in Hispanien und der Burgunder in Gallien, während An¬ <br> geln, Sachsen und Jüten bereits bedeutende Striche von <br> Britannien, so ganz Kent, Northumberland, Sussex und Theile <br> von Essex erobert haben. Bei dem mächtig wirkenden, <br> weil Jahrhunderte lang grossgezogenen und gefestigten Be- <br> wusstsein der Zusammengehörigkeit der abendländischen <br> Welt, einem Bewusstsein, welches sich gegen die definitive <br> Zersplitterung des Reiches sträubte, und bei dem Umstände, <br> dass die Hunnen, in ihrer Macht gebrochen und nach Osten <br> zurückgeworfen, bei dem ferneren Wettkampfe nicht mehr <br> mit in Betracht kamen, musste die Herrschaft über das ge- <br> sammte weströmische Erbe, soweit es nicht später einer <br> fremden, der arabischen Cultur, zum Opfer fiel, demjenigen <br> deutschen Volke zu Theil werden, dem es nicht nur gelang, <br> im Kampfe gegen die übrigen deutschen Völker Herr zu <br> bleiben, sondern das sich auch durch religiöse Gemeinschaft <br> mit den unterworfenen Bevölkerungen zum Erben und Mit¬ <br> träger abendländischer Cultur zu machen wusste: dies Volk <br> waren die Franken. <br> Die Nebenkarte zeigt nun, wie weit sich im Jahre 752 <br> die Franken bereits diesem Ziele genähert haben. Ihnen <br> sind die Alamannen, die Westgothen, die sie fast ganz aus <br> Gallien verdrängten, die Thüringer und die Burgunder er¬ <br> legen. Auch die Baiern haben sich ihrer Oberhoheit unter¬ <br> worfen, so dass vorläufig von den im eigentlichen Germanien <br> zurückgebliebenen Völkern nur die Friesen und die Sachsen <br> ihre Freiheit behaupten. Noch gehört fast ganz Italien, <br> das alte Centrum der römischen Welt, dem deutschen Volke <br> der Langobarden, die es in harten Kämpfen den Oströmern <br> entrissen, nachdem es diese selbst erst in blutigem und <br> langandauerndem Kriege den Ostgothen entwunden. Aber <br> im Gegensatz zu den Franken losgelöst von dem heimischen <br> germanischen Boden, mehr und mehr entfremdet ger¬ <br> manischer Sitte und Anschauung, verfallen sie allmählich <br> ganz dem römischen Wesen und sind nicht im Stande, die <br> Träger lebensvoller Verbindung zwischen Römer- und Ger¬ <br> manenthum zu sein wie jene, die sich auch äusserlich durch <br> ihren Kampf auf den Gefilden zwischen Tours und Poitiers <br> gegen die Araber, denen Nordafrika und Spanien anheim¬ <br> gefallen, als das Schwert der verjüngten abendländischen <br> Welt, als der Schirm der christlich-germanischen Cultur- <br> entwicklung, hinzustellen wissen. — Der ehemals römische <br> Theil der Insel Britannien ist nun fast ganz von den Sachsen <br> und Angeln erobert und ein kräftiges germanisches Leben <br> sprosst auf derselben empor. Dagegen hat das Germanen¬ <br> thum im Osten des Vaterlandes weite Strecken verloren, <br> hier sind zahlreiche und kräftige Slavenstämme bis zur <br> Elbe, Saale und dem Böhmerwalde, bis in die norischen <br> Alpen und bis zur Küste des adriatischen Meeres vor¬ <br> gedrungen, durchbrochen allerdings durch das Volk der <br> Avaren, der Stammvettern der Hunnen und der späteren <br> Magyaren. . <br> No. 2. <br> Süd- und West-Europa nach der Theilung des frän¬ <br> kischen Kaiserreiches zu Virodunum im Jahre 843. <br> Nach der Eroberung des Langobardenreiches in Italien <br> und der Unterwerfung der Sachsen sind mit Ausnahme der <br> Sachsen Britanniens sämmtliche deutsche Stämme unter der <br> Herrschaft Karls des Grossen vereinigt. Es erfolgt die <br> Herstellung des abendländischen Kaiserthums. Aber <br> indem man an das altrömische Reich anzuknüpfen wähnte, <br> schuf man thatsächlich etwas Neues: das grosse Bindemittel <br> zwischen den romanischen und germanischen Bevölkerungen <br> ist nicht mehr der Reichsgedanke, sondern die römische <br> Kirche, als deren Schirmherr der Frankenkönig römischer <br> Kaiser wird. Das Reich Karls des Grossen erstreckt sich <br> bei seinem Tode südlich von Pamplona bis zum Ebro, süd¬ <br> lich von Rom bis in die Gegend des Garigliano ; das grosse, <br> damals noch nicht zersplitterte langobardische Herzogthum <br> Benevent steht nur in sehr loser Abhängigkeit. Von sla- <br> vischen Gebieten gehören in grösserer oder geringerer Ab¬ <br> hängigkeit dem Reiche an das Land der Kroaten und der <br> Strich bis zur Mündung der Sau in die Donau, Kärnten, <br> Pannonien, Mähren, welches sich damals viel weiter nach <br> Osten hin erstreckt, Böhmen, die sorbische Mark und die <br> Lande der Wilzen und Abodriten; Eider und Schlei bilden <br> die Grenze im Norden gegen Dänemark. Dieses ungeheure <br> Reich geht nach dem Tode des grossen Kaisers seiner Auf¬ <br> lösung entgegen. Die Gascogner in Navarra entziehen sich <br> der fränkischen Oberhoheit, die Balearen fallen den Sara- <br> cenen anheim und im Osten erobern die Bulgaren das Ge¬ <br> biet zwischen Donau und Sau. Die berühmte Dreitheilung <br> zu Verdun im Jahre 843, nicht hervorgerufen durch nationale <br> Gegensätze, schafft nur zwei lebensfähige staatliche Gebilde, <br> das ostfränkische und das westfränkische Reich; das lo¬ <br> tharische Mittelreich, ein geographisches Unding, ist schon <br> in Folge seiner Lage unhaltbar. — Das weite östliche Flach¬ <br> land Europas ist bis auf das Gebiet der aistischen Stämme <br> an der Ostsee von slavischen Völkern besetzt, von <br> denen eine Anzahl der östlicheren der Herrschaft der <br> Chazaren unterworfen sind, zu denen auch das finnisch¬ <br> tatarische Volk der Magyaren in Atelkuzu in loser Ab¬ <br> hängigkeit steht. — Die Herrschaft der Oströmer ist <br> durch die Ausdehnung des bulgarischen Reiches auf <br> der Balkanhalbinsel fast nur auf die Küsten derselben be¬ <br> schränkt, während ihnen Sicilien, seit 827 durch afrikanische <br> Saracenen bedrängt, gleichfalls im Laufe von etwa 25 <br> Jahren verloren geht, so dass sie von italischem Gebiete <br> bald nur noch einige Küstenstriche des Festlandes besitzen. <br> Saracenisch, und zwar im Besitze von spanischen Arabern <br> befindlich, ist seit 822 auch die Insel Kreta. — Das König¬ <br> reich Asturien (oder Oviedo) im Norden Spaniens ist <br> seit 711 aus dem Reste der westgothischen Herrschaft und <br> aus verschiedenen dem omajadischen Emirate von Cor¬ <br> dova entrissenen Gebieten erwachsen, es wird, wie auch <br> später die spanische Mark Karls des Grossen, der Grund¬ <br> stock neuer christlicher Reiche auf der pyrenäischen Halb¬ <br> insel, die sich auf Kosten der maurischen Herrschaft all¬ <br> mählich vergrössern. — Auf der skandinavischen Halbinsel <br> bestehen die Reiche Gothland und Schweden noch un¬ <br> abhängig neben einander, der südlichste Theil derselben <br> gehört schon damals den Dänen, die ihn Jahrhunderte lang <br> zu behaupten wissen. <br> Die Nebenkarte zeigt uns eine fernere Zersplitterung <br> der grossen karolingischen Monarchie. Das lotharische <br> 1