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Title:
[Geschichte des Mittelalters]
Persons:
Weber, Georg Schröer, Tobias Gottfried
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-10402433
<br> 307 <br> ward das Werk von dem Bearbeiter an Friedrich den Großen gesandt, <br> welcher die vielberüchtigte Antwort ertheilte, die sich jetzt unter Glas und <br> Rahmen in der Bibliothek zu Zürich befindet: „Ihr habt eine viel zu <br> vortheilhafte Meinung von diesen Dingen. Meines Bednnkens sind sie <br> nicht einen Schuß Pulver werth und würde ich sie nicht in meiner Bibliothek <br> dulden, sondern herausschmeißen." <br> Wie haben sich die Zeiten geändert! Jetzt weiß Jedermann, daß <br> das Nibelungenlied der erste Edelstein in der Krone deutscher Dichtung ist <br> und bei dem Klang der Worte: „Uns ist in alten Mären Wunders viel <br> gesagt" (Anfang des Nibelungenliedes), muß sich jedes Deutschen Herz <br> erheben, wie einst dem Griechen, wenn der Sänger seine Leier zu den <br> homerischen Gesängen stimmte. <br> Die Sagenkreise, welche in dem Nibelungenlied benützt sind, wurden <br> nichts destoweniger noch in vielen andern Liedern besungen; so lebte das <br> Lied vom hörnernen Siegfried in dem Munde des Volkes, von dem <br> Kamps des Ritters Ecke mit Dietrich von Bern, vom Zwergkönig Laurin, <br> von Herrn Dietrich's Schlacht und Sieg bei Raben u. 'a. m. <br> Der Sagenkreis der Nordseeländer besitzt ein in neuerer Zeit wohl- <br> bekanntes Gedicht in dem Gudrunliede, welches mit Recht „die <br> Nebensonne der Nibelungen" genannt wird. Hier spannt sich die weite <br> See aus mit ihren Wogen, Stürmen und Schissen, und die edelste, zarteste <br> Schilderung eines reinen Frauencharakters giebt der Dichtung einen <br> besonders feinen und lieblichen Reiz. Gudrun, die Tochter des Friesen¬ <br> königs Hettel, die geraubt ward von Hartmuth, dem Normannenkönigssohn, <br> wird durch ihren Verlobten und ihren Bruder, die Ritter Herwig und <br> Ortwin, aus schmählicher Sklaverei befreit. Am Strande des Meeres <br> waschen die edlen Frauen, die Königstochter Gudrun und ihre Gespielin <br> Hildburg, in eisiger Winterkälte die Gewände der bösen Königin Gerlinde. <br> Die Helden kommen auf leichtem Boote über die See; sie landen, aber <br> erkennen die Frauen nicht in ihrer armseligen Sklaventracht. <br> „Oftmals blickte Herwig die Jungfrau forfcheud an, <br> Sie schien so schön dem Degen und auch so wohlgethan, <br> Daß es ihn im Herzen oft zum Seufzen brachte; <br> Sie glich so sehr der Einen, an die er oft gar minniglich dachte. <br> Da sprach von Ortland wieder der König Ortwein: <br> „Ich frag' Euch Mädchen beide, sollt' Euch bekannt nicht sein <br> Ein fremdes Ingesinde, das kam zu diesem Land? <br> Eine war darunter, die war Gudrun genannt." <br> Sie sprach: „Ich bin auch Eine, die mit Harmuth's Heer <br> Im Streit gefangen wurden und geführet über's Meer. <br> Ihr suchet Gudrunen: Das thut Ihr ohne Noth, <br> Die Magd von Hegelingen fand vor großem Leid den Tod. <br> 20*