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Title:
Lehrbuch zur Kenntniß der verschiedenen Gattungen der Poesie und Prosa für das weibliche Geschlecht, besonders für höhere Töchterschulen
Persons:
Nösselt, Friedrich Borberger, Robert
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-13593062
<br> 352 <br> Wenn Sie meine liebe Unbekannte, dieses noch nicht verstehen, so fra¬ <br> gen Sie nur Ihre Tanten, die werden es Ihnen gewiß erklären. Sie war¬ <br> nen mich, ich solle Ihnen nicht schmeicheln? O merken Sie sich die War¬ <br> nung, ich bitte Sie darum. Nicht alle Mannspersonen sind so aufrichtig, <br> wie ich es bin. Sobald Sie achthundert Wochen alt sind, werden Sie er¬ <br> fahren, daß ich heute wahr geredet habe. Sie schreiben mir doch bald wie¬ <br> der? Wie sorgfältig will ich Ihren Brief aufheben, da er, wie Sie sagen, <br> der erste ist, den Sie in Ihrem Leben schreiben. Mir wird er allemal schätz¬ <br> bar, und künftig für viele ein Heiligthum sein, die Ihre Briese vergebens <br> wünschen. Habe ich Ihnen nun genug gesagt? Nun erfahre ich doch Ihren <br> ganzen Namen? Ich möchte mich gern mündlich bei Ihnen bedanken und <br> Ihnen die Händchen küssen. <br> R a b e n e r. <br> Mein Herr! <br> Ist es wahr, daß Sie sich die Mühe nehmen, und mir auf meinen <br> gestrigen Brief antworten wollen? Die Frau, die ihn überbrachte, hat es mir <br> beredet. Damit könnten Sie mir eine rechte Freude machen. Wie fleißig <br> wollte ich ihn durchbuchstabiren, und allemal in meinem Schränkchen wieder <br> aufheben. Schreiben Sie geschwind, die Frau soll darauf warten. An solche <br> kleine Mädchen haben Sie doch noch nicht geschrieben. Ich möchte schon <br> wissen, was für eine Vorstellung Sie sich von mir machen. Warten Sie, <br> ich will sehen, ob ich mich beschreiben kann. Ich bin für mein Alter sveder <br> zu groß, noch zu klein; schön sehe ich nicht aus, aber auch nicht häßlich. <br> Artig, manierlich? — ich will aufrichtig sein — so gar sehr artig und ma¬ <br> nierlich, wie viele Andere von meinen Jahren, bin ich auch nicht. Ich bin <br> mehr ernsthaft als lustig, und halte mich gern zu erwachsenen Personen, die <br> sittsam und verständig sind. Ich habe — nein! das sagt Charitas nicht. <br> Schweigen muß sie; sonst wird sie sich verrathen, und das thut sie nicht. <br> Charitas. <br> Sie sind schalkhaft, meine kleine Freundin, beinahe so schalkhaft wie <br> ein erwachsenes Mädchen. Ich hoffte gewiß, ich würde Sie heute kennen <br> lernen. Sie können wohl glauben, daß ich mich sehr darauf freute. Voll <br> Ungeduld erbrach ich Ihren Brief; ich lief ihn flüchtig durch, ich las ihn <br> noch einmal, noch zweimal mit der größten Aufmerksamkeit durch, und nun <br> weiß ich heute eben so wenig, wie ich gestern wußte. Aber nehmen Sie <br> sich in Acht, meine gar zu verschwiegene Charitas! ich habe schon mit dem <br> Gerichtsamtmanne gesprochen. Noch in dieser Woche, vielleicht morgen, soll <br> durch die ganze Stadt in allen Quartieren Haussuchung gethan werden. <br> Alle Mädchen von drei- bis vierhundert Wochen, die nicht zu groß und <br> nicht zu klein, nicht zu schön und nicht zu häßlich, mehr ernsthaft als <br> lustig sind, alle diese Mädchen sollen zusammengebracht werden. Was wetten <br> wir? ich ertappe Sie? Ich werde eine Jede nach der Reihe fragen: ob sie