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Title:
[Abteilung 1 = Sexta, [Schülerband]]
Persons:
Paulsiek, Karl Hopf, Jacob
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-15725805
<br> Willmann: Der Schiffbruch. <br> 93 <br> Schon war er so nah, als eines Rufenden Stimme erschallt, da <br> hörte er ein dumpfes Getös an den Klippen des Meeres. Brüllend <br> brandeten mächtige Wogen an der Felsenküste, und alles war von Meeres¬ <br> schaum bedeckt. Da waren keine Häfen, Schiffe zu empfangen, und keine <br> Buchten, nur schroffes Gestade, Felsen und Riffe. Da trieb ihn eine <br> große Woge an das steinige Gestade, daß ihm die Haut geschunden und <br> die Gebeine zermalmt worden wären, wenn ihm nicht Athene, die Göttin <br> mit den hellen Augen, eingegeben hätte sich mit beiden Armen an den <br> Felsen zu klammern. So entging er der Woge diesmal; doch ein zweites <br> Mal schlug sie heftig heranbrausend auf ihn nieder und schleuderte ihn <br> weithin ins Meer. Doch er entrang sich der Welle, die ans Gestade <br> brüllend zurückschlug, und schwamm seitwärts weiter, immer spähend, <br> ob kein flaches Uferland und keine Meeresbuchten zu finden seien. So ge¬ <br> langte er an die Mündung eines wallenden Stromes, und da kam ihm <br> die beste Stelle in Sicht, flach, ohne Felsen und vor dem Winde ge¬ <br> schützt. Er erkannte die Flußströmung und erreichte den rettenden <br> Uferrand. Da wurden ihm die Kniee und die markigen Arme schlaff; <br> das Meer hatte seine Kraft gebrochen; sein Leib schwoll an, und Meer¬ <br> wasser quoll ihm in Menge aus Nase und Mund; ohne Atem, ohne <br> Laut lag er bewußtlos da, zum Tode ermüdet. <br> Aber als ihm der Odem und die Lebenskraft wiedergekehrt war, <br> band er die Hauptbinde der Göttin ab und ließ sie in den meer- <br> wärts rauschenden Fluß gleiten; die Wogen trugen sie stromab, und <br> Leukothea fing sie auf. Er aber ging abseits vom Fluß in den Wald, <br> den er nahe am Wasser auf einer Anhöhe..fand, und barg sich unter <br> zwei Büschen von wildem und von fruchtbarem Ölbaum, die in einander ge¬ <br> wachsen waren. Sie durchwehte weder der feuchten Winde Ungestüm, <br> noch drang da die leuchtende Sonne mit ihren Strahlen jemals ein, <br> noch schlug der Regenguß durch, so dicht waren sie in einander ver¬ <br> schränkt. Unter diese schlüpfte Ödysseus und häufte sich mit den Armen <br> ein weites Lager; denn Blätterstreu war reichlich da, genug, um zwei <br> oder drei Männern in der Regenzeit auch beim stärksten Unwetter <br> Schutz zu gewähren. Freudig betrachtete der hohe Dulder Odysseus <br> sein Lager, legte sich mitten hinein und überschüttete sich ganz mit <br> Blättern. Wie wenn ein Landmann, der weit draußen im Felde wohnt <br> und keine Nachbarn hat, seinen Feuerbrand in dunkle Asche birgt, damit <br> er sich den Samen der Glut erhalte und nicht von andern Feuer zu <br> holen brauche, so vergrub sich Odysseus in seine Blätter. Und Athene <br> schloß ihm die lieben Wimpern und goß ihm Schlaf auf die Augen, <br> auf daß ihm Erquickung werde von der harten Mühsal. <br> I