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Title:
Lesebuch zur Geschichte der deutschen Literatur alter und neuer Zeit
Persons:
Weber, Georg
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-20098674
<br> Altdeutsche Literatur. <br> 2. Wie süß Horand sanug. <br> Als die Nacht ein Ende nahm und es begann zu tagen, <br> Horand hub an zu singen, daß ringsum in den Hagen <br> Alle Vögel schwiegen vor seinem süßen Sange. <br> Die Leute, die da schliefen, lagen in den Betten nicht mehr lange. <br> Die Stimme klang ihm voller und voller immerfort; <br> Herr Hagen hört' es selber bei seinem Weibe dort: <br> Aus der Kemenate mußten sie an die Zinne. <br> Der Gast war wohl berathen: die junge Königin ward des Sanges inne. <br> Des wilden Hagen Tochter und ihre Mägdelein <br> Saßen da und lauschten, wie selbst die Vögelein <br> Auf des Königs Hofe vergaßen ihr Getöne; <br> Wohl hörten auch die Helden, wie der von Dänenlanden sang so schöne. <br> Die Thier' im Walde ließen ihre Weide stehn; <br> Die Würme, die da sollten in dem Grase gehn, <br> Die Fische, die da sollten in dem Wasser fließen, <br> Die ließen ihre Fährte: wohl durft' ihn seiner Künste nicht verdrießen. <br> Was er da singen mochte, das deuchte Niemand lang. <br> Vergessen in den Chören war der Pfaffen Sang; <br> Auch die Glocken klangen nicht mehr so wohl als eh: <br> Allen die ihn hörten, war nach Horanden weh. <br> Da ließ ihn zu sich bringen das schöne Mägdelein: <br> Ohn' ihres Vaters Wissen, gar heimlich sollt' es sein: <br> Auch hätte sie's der Mutter, Frau Hilden, gern verhohlen, <br> Daß der Held so heimlich sich in ihr Kämmerlein gestohlen. <br> Sie hieß den Helden sitzen: „Nun hebt noch einmal an,“ <br> Sprach das edle Mägdelein: „was eure Stimme kann, <br> Das lüstet mich zu hören: eures Mundes Töne <br> Sind mir eine Kurzweil über alle Freud' und alle Schöne.“ <br> Da begann er eine Weise, die war von Amile, <br> Kein Ohr hat sie vernommen, noch lernt' ein Mund sie je: <br> Die hat er singen hören auf den wilden Fluten. <br> Mit dieser Weise diente Horand am Hof der schönen Maid, der guten. <br> Als er die süße Weise zu Ende nun ihr sang, <br> Da sprach das schöne Mägdlein: „Freund, nun habe Dank.“ <br> Sie gab ihm von dem Finger, nie sah man Gold so gutes. <br> Sie sprach: „Ich lohn' euch gern: dazu bin ich gar williges Muthes.“ <br> Was ihm die Frau geboten, das wollt' er alles nicht, <br> Außer einem Gürtel: „Ob Einer tadelnd spricht, <br> Daß ich zuviel genommen, schön Mägdlein, der bedenke, <br> Ich bring' ihn meinem Herren: der empfängt ihn gerne zum Geschenke.“ <br> Sie sprach: Wer ist dein Herr? und wie ist er genannt? <br> Trägt er auch die Krone und hat sein eigen Land? <br> 32—