×

You are using an outdated browser that does not fully support the intranda viewer.
As a result, some pages may not be displayed correctly.

We recommend you use one of the following browsers:

Title:
Erdkundliches Lesebuch für die Oberstufe höherer Lehranstalten und Seminare
Persons:
Lerche, Otto
PURL:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-6062340
<br> 132 <br> B. Zur Länderkunde, <br> („Lebwohl, Herr, und kehre heil zurück"), klaug es aus dem Loch zurück. „Inschallah" <br> („So Gott will"), bestätigte ich meinerseits, uud fort ging es in die kalte Nacht hinein. <br> Solange wir uns aus slachem Terrain bewegten, hatten wir nur die herum- <br> liegenden Trümmer zu meiden. Bald aber kamen wir an einen tief eingeschnittenen <br> Kessel am Fuß des Berges, an dessen schroffer Innenwand wir mit größter Vorsicht <br> entlangklommen, bis wir die Trümmerhalde im Grund des Kessels betraten, die <br> uns laugsam über ein Chaos von Blöcken bergan führte. Es war eine verzweifelte <br> Kletterei in dunkler Nacht. Mehrmals kamen wir zu Fall und rissen uns die Glieder <br> wund, aber das Marienglaslaternchen nahm keinen Schaden, wenn es auch jedesmal <br> verlöschte und durch das Wiederanstecken im Nachtwind unsere Geduld anf eine <br> harte Probe stellte. Purtscheller, welcher die Führuug hatte, hielt sich meines Er- <br> achtens zu weit rechts, nach Norden, ich drang auf mehr westliche Richtung, weiter <br> bergauf zur Mitte des Kibo; als aber der Morgen des 3. Oktober dämmerte, öffnete <br> sich plötzlich in schwindelnder Tiese zu unseren Füßen das Tal, dessen südlicher Be- <br> grenzuugswall unser Ziel gewesen war. Es blieb nichts anderes übrig, als an den <br> schroffen Wänden hinabzukletteru in die schuttbedeckte Mulde und jenseits an den <br> Felsklippen wieder emporzusteigen. Das unerwartete Hindernis kostete uns fast <br> eine Stunde der besten Tageszeit. <br> Nach kurzer Rast traversierten wir die steilen Schutthalden des Tales, ließen <br> dabei die letzten Spuren von Blütenvegetation in etwa 4700 m Höhe hinter uns, <br> passierten um |7 Uhr einen massigen Lavaquerriegel in der Talmitte und trafen <br> an der erstrebten südlichen Talwand gegen 7 Uhr auf die ersten Schneeflecken unter <br> dem Schutz der Felsen in 5000 m Höhe. An der nördlichen Talwand ziehen sich im <br> Leeschutz des AntiPassates gesellige Schneefelder von hier ab bis zu der von oben <br> drohend ins Tal herabhängenden Eiszunge (5360 m) hinauf. Dort fließt das Schmelz- <br> wasser in zwei kleinen Bächen ab, die schnell im Geröll verrinnen. Der Blick über <br> die von mächtigen Blöcken übersäeten Schuttkegel zur Eiswand hinauf und hinab ins <br> Tal, das weit unten nach Süden abbiegt, und an den jäh sich hebenden Talwänden <br> entlang, an denen die Erosion wunderliche Lavawindungen und Höhlenformen hat <br> zutage treten lassen und stellenweise Schrammen und Glätten auf Gletscherschliff <br> hindeuten, während von Zeit zu Zeit das Rauschen des Windes uud das Prasseln <br> von rutschendem Schutt die nimmer ruhende Tätigkeit der Naturkräfte verrät, ist von <br> ganz eigenartigem Reiz. <br> 7 Uhr 20 Minuten standen wir endlich auf dem Rücken der Bergrippe, die wir <br> uns gestern als geeignete Aufstiegroute ausersehen hatten, und begannen nun keuchend <br> über festen Fels und losen Schutt hinweg der steilen Erhebung des Kammes zum Eis <br> hinan zu folgen. Alle 10 Minuten mußten wir jedoch ein paar -Augenblicke stehen- <br> bleiben, um den Lungen und dem Herzschlag eine kurze Beruhigung zu gönnen, <br> denn wir befanden uns längst über Montblanc-Höhe, und die zunehmende Luft- <br> dünne machte sich allmählich fühlbar. 8 Uhr 15 Minuten hatten wir über Schotter und <br> Blöcke hinweg eine Höhe von 5200 in erreicht und ruhten sitzend eine halbe Stunde lang. <br> Ein Schluck des mit Zitronensäure versetzten Schneewassers netzte den in der <br> überaus trockenen Luft schmerzhaft gewordenen Gaumeu; Appetit hatte ich uicht <br> im mindesten. Den Blick zurückwendend, erkannten wir, daß wir die Höhe des im <br> vollen Sonnenlicht rotbraun herüberleuchtenden Mawensi bereits überstiegen hatten. <br> Wie Maulwurfshaufen lagen die zentralen Hügel des Sattelplateaus unter uns in <br> der Tiefe, zu welcher von Süden her langsam Nebel wallten. Uber der Zone des <br> Urwaldes drängte sich eine dichte, silbergraue Wolkenmasse, während weit draußen