Full text: [Cursus 2, [Schülerband]] (Cursus 2, [Schülerband])

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köpfchen mit seinen dunkeln kleinen Augen an, öffnet gar das breite 
Schnäbelchcn und weiset die gespaltene Zunge. Will cs sich wehren 
das arme Ding? kratzt mit seinen Füßchen und den scharfen Nägeln. 
Nein, ich thue dir nichts; bist doch so glatt und schmuck im stahlblauen 
Gewände und dem weißen Schürzchcn, ein wahres Hausvögelchen, von 
aller Hoffahrt frei; das braune Stirnband und Brusttuch sind dein 
einziger Schmuck, und an deinem Fcderfächcr die Reihe weißer Perlen. 
Nun will ich dich füttern, in schönem Gitterkäfig dich bewahren, dich 
pflegen. „Nein!" ruft der Vater, „laß sie fliegen! Häuslich ist sie 
uns zutraulich, aber an's freie Element gewöhnt, und nur bei ihren Ge¬ 
spielen und ihren Kindern ist ihre Heimath. Mißbrauche das Vertrauen 
nicht, mit dem sie in dein Zimmer flog, zu dir sich rettete." Da öffne 
ich das Fenster und schließe sacht die Hand auf. Die Schwalbe rührt 
sich nicht, nur ihre Aeuglein spielen; jetzt pfeifen die Jungen, sie hat 
ihre Stimme vernommen, ist aufgeflogen, zieht einen Kreis in der Luft, 
hat eine Mücke weggeschnappt und fliegt dem Neste zu. 
Der Herbst geht vorüber, die Schwalben schaaren sich an Teichen 
und Seen zusammen und fliegen auf, einer andern Heimath zu; mit 
ihnen zieht meine Schwalbe und ihre Jungen. Der Winter wird frostig; 
manch' scheues Spätzchen naht, ihm werden Krumen vor's Fenster ge¬ 
streut ; aber die Schwalbe lebt fern und frei unter Citronen und Orangen 
und schwärmt um die Kronen der Palmen. Und kommt der Frühling 
mit seinen linden Lüften, so bringt er sie auch wieder heim; sie läßt 
von den Düften und der Pracht der Blumen, von der Fülle des Reich¬ 
thums sich nimmer zurückhalten, sie trotzt den Stürmen, trotzt den 
Gewittern, überfliegt die Meere und findet die Hütte, findet ihr Nestchen 
bei ihren alten Bekannten. Ihr Lied begrüßt mich des Morgens früh, 
sie kreiset wieder mit ihren Gespielen um das Dach, und sie helfen sich 
traulich ihren Erker wieder bauen und ausbessern. 
Meyer's charakteristische Thierzcichnungen. 
5. Der Brodbaum. 
Der Brodbaum gehört unter die geringe Zahl von Pflanzen, welche 
sich über einen ansehnlichen Theil unserer Erde verbreitet haben. Von 
Surate an bis zu den Marquesasinseln im stillen Weltmeere, auf einer 
Strecke von 150 Graden der Länge, oder mehr als 2000 geographischen 
Meilen, trifft man ihn fast auf jeder Küste und Insel an. Daß ihn 
aber die Natur in diesem ganzen Bezirke überall uranfänglich von selbst 
und ohne Zuthun der Menschen habe wachsen lassen, will ich keines¬ 
wegs behaupten. 
Schön ist die Form des durch Anbau veränderten Brodbaumcs, 
und schattenreich seine weit ausgebreitete Krone. Kein Obstbaum im 
Norden von Europa, ja, was noch mehr ist, kein Baum aps unseren 
Forsten, die Eiche und die Linde ausgenommen, darf sich an Ebenmaß 
des Wuchses und Schönheit der Gestalt mit ihm messen. Die Ro߬ 
kastanie, die in der Ferne einige Aehnlichkcit mit ihm zu haben scheint, 
läßt er weit hinter sich zurück. Sein großes, breites Blatt, wie Feigcn- 
larcb tief cingcschnittcn, ist zierlich geformt und von anmuthigcr Farbe.
	        
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