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Title:
Lehrbuch zur Kenntniß der verschiedenen Gattungen der Poesie und Prosa für das weibliche Geschlecht, besonders für höhere Töchterschulen
Persons:
Nösselt, Friedrich Borberger, Robert
PURL:
https://gei-digital.gei.de:443/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-13591443
<br> 190 <br> Jeder Akt muß ein Ganzes für sich ausmachen; daher ist es nicht <br> gleichgültig, mann ein Akt endigt; es muß die Handlung wirklich <br> einen Nuhepunkt nöthig machen. Mehr als 5 Akte pflegen nicht <br> leicht vorzukommen. Die Akte zerfallen wieder in Scenen oder <br> Auftritte, deren kürzere oder längere Dauer von dem Gange <br> der Handlung abhängt. <br> Vor Allem muß jedes dramatische Stück Einheit der Hand¬ <br> lung zeigen. <br> Zur Einheit der Handlung gehört, daß alle Personen, <br> Handlungen und Ereignisse nothwendig zuni Ganzen gehören. <br> Es darf danach keine Person, kein Akt, keine Scene überflüssig <br> sein; jedes muß zur Bildung des Ganzen etwas beitragen. Finden <br> wir, daß etwas, unbeschadet des Ganzen oder wohl gar zum Vor¬ <br> theile des zu machenden Eindrucks, hätte wegbleiben können, so <br> hat der Dichter gegen die Einheit der Handlung gefehlt. <br> Seinen Stoff kann der Dichter entweder aus der Geschichte <br> nehmen (historisches Drama), und dann steht ihm wie dem epi¬ <br> schen Dichter frei, von der historischen Wahrheit abzuweichen, so <br> viel wie er will, oder er schöpft ihn aus seiner Phantasie. <br> Alle dramatischen Gedichte werden in vier Klassen geordnet: <br> das Trauerspiel, das Lu st spiel, das Schauspiel und das <br> Singspiel. <br> 1. Das Trauerspiel (Tragödie). <br> Wie bei'm ernsten Heldengedicht sehen wir im Trauerspiel den <br> Helden des Stücks gegen die wider ihn anstürmende Gewalt des <br> Schicksals oder der Leidenschaften kämpfen. Immer aber müssen <br> es sittliche Mächte sein, mit welchen er in Conflikt geräth; <br> denn das Tragische im Drama ist das sittlich Erhabene. Die <br> Seelengröße des Helden erweckt bei den Zuschauern lebhafte <br> Theilnahme für sein Schicksal. Bald fürchten sie, er werde unter¬ <br> liegen, bald hoffen sie, er möge den Sieg davon tragen, bis er <br> zuletzt wirklich unterliegt. Aber der Schmerz darüber im Herzen <br> der Zuschauer wird gemildert durch die Bewunderung der Kraft <br> des Helden selbst im Augenblicke seines Falles. Darum muß der