4
an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging
zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte, und
wo sie hingeraten wären. Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht
länger verschweigen; sagten jedoch, es sei des Himmels Verhängnis
gewesen, und seine Geburt nur der unschuldige Anlaß. Allein das
Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müßte
seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es
sich einmal aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo
aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Es nahin
nichts mit sich als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen
Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein
Stühlchen für die Müdigkeit.
Nun ging es immer zu, weit, weit bis an der Welt Ende. Da kam
es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen
Kinder. Eilig lief es weg und hin zu dem Mond; aber der war gar zu
kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er:
„Ich rieche, rieche Menschenfleisch". Da machte es sich geschwind fort
und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder
saß auf seinem besonderen Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf,
gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: „Wenn du das Beinchcn nicht
hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg
da sind deine Brüder."
Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein
und ging wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam, dessen Tor
verschlossen war. Nun wollte es das Beinchen hervorholen: aber wie es
das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der
guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder
wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute
Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab,
steckte es in das Tor und schloß glücklich auf. Als es hineingctreten
war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach: „Mein Kind, was
suchst du?" — „Ich suche meine Brüder, die sieben Raben," antwortete
es. Der Zwerg sprach: „Die Herren Raben sind nicht zu Haus; aber
willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein!" Darauf
brachte das Zwerglein die Speise der Raben getragen auf sieben Tcllerchen
und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen
ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückcken; in
das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mit¬
genommen hatte.
Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da
sprach das Zwerglein: „Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen."
Da kamen sie, wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und