Geschichtliches aus neuerer Zeit.
hatte! Er gedachte es böse zu machen, Gott aber wollte es gut machen:
die welsche Tücke sollte die deutsche Treue wachrufen, der Übermut des
Erbfeindes mit einem Schlage die Wunden heilen, welche noch vor
wenigen Jahren ein verderblicher Bruderkrieg dem deutschen Volke ge—
schlagen hatte.
Freilich befand sich in den Heeren der Süddeutschen wohl mancher,
der noch mit Groll im Herzen an die Niederlagen des Jahres 1866
dachte. Es galt darum, der dritten Armee, die sich aus preußischen,
bayrischen, württembergischen und badischen Truppen zusammensehte,
einen Führer zu geben, welcher auch der Süddeutschen Vertrauen und Zu—
neigung gewinnen konnte. Dazu eignete sich, wie der Erfolg gelehrt
hat, niemand besser als der preußische Kronprinz. Seine offene, biedere
Herzlichkeit und seine Liebenswürdigkeit versöhnte die süddeutschen Brüder,
deren Herzen ihm überall, wo er erschien, warm und treu entgegen—
schlugen. In München war ihm ein begeisterter Empfang zu teil ge—
worden, und in Speyer, wo zunächst sein Hauptquartier war, hatte er
in kurzer Zeit die Liebe aller erworben. Täglich konnte man ihn im
Rheine baden sehen, und aufs ungezwungenste verkehrte er mit der
Badegesellschaft. Hier rief er einst einem Unteroffizier zu, der in seiner
Nähe schwamm: „Heute sind wir noch miteinander im Wasser, morgen
sind wir vielleicht chon im Feuer.“ Als eines Tages badende Knaben
den Versuch machten, aus ihrem Schwimmbassin in das seine zu gelangen,
und der Schwimmmeister sie deswegen hart anfuhr, bemerkte der Kron—
prinz lachend: »O, lassen Sie doch die Jungen! Ich habe es gern,
wenn die kleinen Kerle so lustig um mich her schwimmen.“
Wenige Tage später sollte in Erfüllung gehen, was der Kronprinz
dem Unteroffizier im Bade zugerufen hatte. Nachdem am 3. August
das Hauptquartier von Speyer nach Landau vorgeschoben war, erfolgte
bereits am nächsten Tage der erste blutige Kampf bei Weißenburg,
Nach hartnäckigem Widerstande der Franzosen nahm endlich der Streit
für die deutschen Waffen eine vollständig siegreiche Wendung, als der
Kronprinz mit einer Heeresabteilung eintraf. Jubelnd wurde er be—
grüßt. Unaufhaltsam wie eine Wetterwolke drangen die Preußen vor
und bald auch ihnen zur Seite die Bayern, und bald war Weißenburg
mit all seinen Verschanzungen und festen Höhen erstürmt. Das war
aber nur das Vorspiel zu dem blutigen Ringen bei Wörth, wo unter
den Augen des Kronprinzen die süddeutschen Truppen in edlem Wett⸗
eifer mit ihren norddeutschen Brüdern die Armee des Feldherrn ver—
nichteten, auf den die französische Nation die größten Hoffnungen gesetzt
hatte. Durch ganz Deutschland verbreitete sich die Nachricht von dem
glänzenden Siege bei Wörth mit Windeseile; ganz Europa empfand
Hochachtung vor der Tapferkeit der deutschen Soldaten, und der Name
des Kronprinzen, den das gesamte deutsche Volk von nun an nicht mehr
anders als „Unser Fritz“ nannte, war in aller Munde.