Full text: (Fünftes und sechstes Schuljahr) (Teil 3, [Schülerband])

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die Auguste selbst die Maschen auf und schnitt nicht solche Gesichter." 
40 Nun, die Auguste Rademacher mochte ja viel geschickter sein, aber sie 
wurde auch immer als Muster vorgehalten! 
Dabei ist Hausmütterchen gar nicht so dumm, wie sie aussieht, 
hieß es in einem Kinderbriefe. Gewiß nicht — sie rechnete Dividier¬ 
exempel mit wer weiß wie viel Zahlen vor dem Strich und hinter den: 
45 Strich und lernte Lieder auswendig von einer Länge, daß es dem 
höflichen Verfasser des Briefes aufrichtig lieb sein mochte, die Lieder 
nicht selbst „aufbekommen" zu haben. Jeden Sonnabend räumte sie ihr 
Schränkchen auf, und jeden Sonntag war es ihr sehnlichster Wunsch, 
einmal in die Kirche mitgenommen zu werden. 
50 Schade, daß Hausmütterchen nicht ein bischen hübscher ist! 
Nicht hübsch? Nun, wir wüßten doch nicht, daß der liebe Gott 
etwas an ihr vergessen hätte. Freilich so ein weißes Fellchen hat sie 
nicht wie die kleine Eve. Was tut's, die Bunzlauer Künnlein sind noch 
viel brauner und halten das Frühstück doch länger warm als das 
55 weißeste Porzellan; gut Warmhalten soll ja aber eine Hauptsache sein 
bei Kaffeegeschirr und Hansmutterherzen. 
Hausmütterchen war ein gutes Geschöpfchen. Rudolf Reichenau. 
12. Ein edier Wohltäter. 
fer alte Senator Ubbo van der Lindt war gestorben. Er war 
sein lebelang ein Sonderling gewesen. 
Wenn er, ungebeugt durch das Alter, das bartlose Antlitz in 
ernste Falten gelegt, an den Kajen und Vorsetzen entlang ging, um 
5 nach seinen im Hafen löschenden und ladenden Schiffen zu sehen, wenn 
sein scharfes Auge vom Ufer aus die Matrosen, Stauer und Ewer- 
führer beobachtete, wenn er das gewichtige spanische Rohr mit dem 
großen Goldknopfe schallend auf die Kopfsteine setzte, jeder Zoll ein 
Handelsherr alter Schule, dalin traten die Begegnenden mit ehrfnrchts- 
iy vollem Gruß auf die Seite. 
Aber trotz der äußerlichen Ehrerbietung, die jedermann dem Alter 
und der ratsherrlichen Würde des Herrn Senators van der Lindt zollte, 
besaß er nicht vollauf die Achtung seiner Mitbürger. Freilich schützt 
man in großen Handelsstädten mehr als an andern Orten den Menschen 
15 nicht immer nach dem, was er ist, sondern vornehmlich nach dem, was 
er besitzt, und da in dieser Beziehung Senator Ubbo van der Lindt 
überaus glücklich daran war, so hätte man erwarten dürfen, er sei der
	        
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