Full text: Lesebuch für Sexta (Teil 1, [Schülerband])

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hatte König Wilhelm bereits 23000 Gefangene; er wollte weiteres 
Blutvergiefsen vermeiden und schickte den Obersten Bronsart 
von Schellendorf in die Festung, um den Befehlshaber zur Über¬ 
gabe aufzufordern. 
5 Mit dem zurückkehrenden Obersten kam zugleich der franzö¬ 
sische General Reille, Napoleons Adjutant. 
Es war 6 Uhr. Wie erstaunte der König, als Reille einen 
Brief des Kaisers überreichte! Man ahnte gar nicht, dass 
Napoleon mit in der Falle sals. Ehe der König das kleine Schreiben 
io öffnete und las, sagte er: „Aber ich verlange als erste Bedingung, 
dass Ihre Armee die Waffen niederlegt 1“ General Reille ver¬ 
neigte sich darauf. Napoleon schrieb: 
„Mein teurer Herr Bruder! 
Da ich nicht so glücklich gewesen bin, an der Spitze 
i5 meiner Armee sterben zu können, so lege ich meinen Regest 
Euer Majestät zu Füssen. Napoleon.“ 
In seiner kurzen Antwort, die Reille nach Sedan mitnahm, 
bedauerte König Wilhelm diese Art der Begegnung, forderte aber 
die sofortige Übersendung eines Bevollmächtigten, der die Über- 
20 gäbe der Festung und der Armee abschließe. Mit der Führung 
der Verhandlungen beauftragte er seinerseits Moltke und Bis¬ 
marck, während er selbst nach seinem Hauptquartiere zurückritt. 
Vor Vendresse lag ein württembergisches Biwak. Dieses zündete 
zur Feier des Sieges ein mächtiges Freudenfeuer vor dem Tore 
25 des Städtchens an, und tausendfacher Jubel geleitete den greisen 
Sieger in sein Quartier. 
So batte der König einen Kaiser gefangen 1 
8. Der Kaiser und der Füsilier. 
Nach Wilhelm Petsch. 
Als der Kaiser einst unerwartet die Vorpostenkette vor Paris 
abritt, traf er auf einen Füsilier, der sein Gewehr bei Fuß ge¬ 
stellt hatte und ganz vertieft in das Lesen eines Briefes war. 
Sobald der Soldat den Tritt des Rosses hörte und den Kaiser 
5 sah, ließ er vor Schreck und Entsetzen seinen Brief fallen, nahm 
schnell sein Gewehr hoch und präsentierte. 
Der Kaiser winkte ab und ritt dicht an den Posten heran. 
„Nun, mein Sohn,“ sagte er leutselig und zeigte lächelnd auf 
den Brief, während der Soldat erwartete, alle Donner des Ge-
	        
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