Vorwort.
Das vorliegende deutsche Lesebuch für Lehrerseminare verdankt seine Entstehung den
Bestimmungen über das Präparanden- und Seminarwesen v. 1. Juli 1901. Ihnen schließt
es sich eng an. Von den beiden Bänden, die es umfaßt, bringt der erste Proben aus
unserer Nationalliteratur, der zweite Prosaaufsätze aus Religion, Wissenschaft und Kunst,
Reden, Briefe geschichtlich und literarisch hervorragender Persönlichkeiten und einige wichtige
Erlasse.
Die Notwendigkeit eines solchen Seminarlesebuchs geht daraus hervor, daß es zu
kostspielig würde, wollte man nur Schulausgaben in Gebrauch nehmen, und daß für manch
wichtiges Gebiet es an Sammlungen mangelt, die für Unterrichtszwecke berechnet oder ge—
eignet sind. Dem Lesebuche erwächst daher die Aufgabe, insbesondere da ergänzend ein—
zutreten, wo ein Zurückgreifen auf Schulausgaben unmöglich ist. Daß sein Umfang beschränkt
sein muß, ergibt sich aus den amtlichen Bestimmungen. Denn für alle Dramen, für Homer,
die Nibelungen, Gudrun, Klopstocks „Messias“, Lessings Abhandlungen über die Fabel und
„Wie die Alten den Tod gebildet“, Wielands „Oberon“, Herders „Ideen zur Philosophie
der Geschichte der Menschheit“ und „Cid“, für Goethe, Schiller und Uhland werden Schul—
ausgaben entweder vorgeschrieben oder als wünschenswert bezeichnet. Und für die Lektüre
neuerer epischer Dichtungen wie Kinkels „Otto der Schütz“, Scheffels „Bergpsalmen“, Webers
„Dreizehnlinden“, für die Einführung in die Kenntnis der Jugend- und Volksschriften muß
die Seminarbibliothek ergänzend eintreten). Da Lessings „Laokoon“ und „Hamburgische
Dramaturgie“ nicht Gegenstand besonderer Lektüre bilden sollen, sind wenigstens die wichtigsten
Bruchstücke daraus ins Lesebuch aufgenommen worden.
Für die Vermittlung der Kenntnis der hauptsächlichsten Mundarten, wie sie die amtlichen
Bestimmungen fordern, verweisen wir auf unser Lesebuch für die Präparandenanstalten. Dort sind
aus den Dichtungen J. P. Hebels, F. Reuters, Kl. Groths, K. von Holteis, F. von Kobells
und K. Stielers in genügendem Umfange Proben abgedruckt.
Den Gebrauch eines Leitfadens für den literaturkundlichen Unterricht schließen ja die
Seminarlehrpläne aus. Sie verlangen, daß „das Wichtigste aus der Literaturkunde und ein
Üüberblick über die deutsche Literatur in ihren Hauptabschnitten vermittelt wird“, aber unter
der Voraussetzung, daß sich der Seminarist „durch den Unterricht und die Privatlektüre
ausreichenden Anschauungsstoff erworben“ hat. Deshalb haben wir für unsern ersten Band
1) Für die Jugend⸗ und Volksschriften gestatten wir uns hinzuweisen auf Wentzzel, Entwicklungs—
geschichte der deutschen Jugendliteratur, Minden 1888; Merget, Geschichte der deutschen Jugend—
literatur, Berlin ?1882; Fricke, Grundriß der Geschichte der Jugendliteratur, Minden 1886;
auf die Auswahl der Lehrervereine in Wiesbaden, Frankfurt a. M., Breslau (kathol.) und Dresden,
sowie auf den Musterkatalog für Haus-, Vereins-, Volks- und Schulbibliotheken, herausgegeben von
der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung in Berlin (Berlin N. W. 21 Lübecker Str. 6.
Preis;: 1 Mark).
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