59
menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig stolze Erwartung in Erfüllung
gegangen! Die historische Wissenschaft führt ihre denkenden Jünger zurück
zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern Segen den Kindern Häuser baut;
denn sie lehrt, wie die Vergangenheit fortwirkt mitten in der lärmenden
Gegenwart und das Leben des Menschen nicht abschließt mit dem letzten
Atemzug. Nur wenigen Glücklichen ist ein so reiches Leben nach dem
Tode beschieden gewesen wie dieser deutschen Königin. Die Hoffnung
besserer Zeiten war in der Tat, wie Schleiermachers Tranerpredigt sagte,
ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer noch deutschen Stolz im Herzen trug,
gedachte ihres Ausspruchs: „Wir gehn unter mit Ehren, geachtet von
Nationen, und werden ewig Freunde haben, weil wir sie verdienen." Der
alte Blücher meinte grimmig, da er die Nachricht ihres Todes empfing:
„Wenn die Welt in die Luft flöge, mir wär's recht." Als endlich die
Stunde der Erhebung schlug, da stiftete der König an Luisens Geburtstag
den Orden des Eisernen Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte
für den heiligen Krieg. Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor
Körners, wie das Verlangen, die zu Tode gequälte Königin an dem
nngroßmütigen Sieger zu rächen, die tapfere Jugend des Befreiungskriegs
entflammte? Wer spürte nicht in dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen
Sinne jener Heldenscharen einen Hauch von dem Geiste der Verklärten?
Da der Friede kam, zogen jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel
in Charlottenbnrg und wahrlich nicht nur, um das Werk des Künstlers zu
bewundern, dem die Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete,
sondern um sich das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten
Menschenbildes.
15. Unterredung Metternichs mit Napoleon zu Dresden
am 26. Juni 1813.
Aus Metternichs nachgelassenen Papieren. Max Schilling, „Quellenbuch zur Geschichte
der Neuzeit". Berlin. 1890.
Napoleon erwartete mich stehend in der Mitte seines Kabinetts, den
Degen an der Seite, den Hut unterm Arm. Er ging auf mich zu mit
erkünstelter Fassung und erfunbigte sich nach dem Befinden des Kaisers.
Bald darauf verdüsterten sich seine Züge, und indem er sich vor mich hin¬
stellte, sprach er mich folgendermaßen an:
„Sie wollen also den Krieg; gut, Sie sollen ihn haben. Ich habe
zu Lützen die preußische Armee vernichtet; ich habe die Russen bei Bautzen
geschlagen; auch Sie wollen an die Reihe kommen; es sei, in Wien geben
wir uns Rendezvous. Die Menschen sind unverbesserlich, die Erfahrung
ist für sie verloren. Dreimal habe ich den Kaiser Franz wieder auf den
5
10
15
20
25
30
35
No full text available for this image