Aber nicht nur die preußischen Dichter hatte ihre strahlende Per¬
sönlichkeit angerührt. Auch Altmeister Goethe griff in die Saiten und
sang eines seiner schönsten Lieder: „Hier sind wir versammelt" aus An¬
laß des Tages. Denn der Königin zu Ehren entstand, wie jüngst von
Reinhold Steig nachgewiesen ist, dies Lied. Goethe hatte srüher der
Meinung gelebt, daß die Königin ihm nicht gnädig gesinnt wäre. Als
er aber erfuhr, daß sie in seinem Wilhelm Meister Trost gefunden habe,
fühlte er sich tief bewegt. Der „heutige Tag von besonderem Schlag",
der ihn in eine gehobene Stimmung versetzte, war der Geburtstag der
Königin Luise. Luise war das „göttliche Bildchen", das dem Dichter
vorleuchtete. Er widmete das Lied seinem Freunde Zelter und der
Berliner Liedertafel
Die Klage um den Tod der Königin.
Um die Verblichene erhob die preußische, ja die deutsche Nation
eine ergreifende Totenklage. In tiefem Weh sang der Schwan von
Memel, Max von Schenkendors:
Rose, schöne Königsrose,
Hat auch dich der Sturm getroffen?
Gilt kein Beten mehr, kein Hoffen
Bei dem schreckenvollen Lose?
General Blücher in Stargard brach bei der Kunde wie betäubt in
die Worte aus: „Wenn die Welt in die Luft flöge, mir wär's recht!"
Und gleich daraus schrieb er in seiner urwüchsigen Sprache an einen
Freund: „Ich bin wie vom Blitz getroffen, der Stolz der Weiber ist
also von der Erde geschieden. Gott im Himmel, sie muß vor uns zu
gut gewesen sind. Schreiben Sie mich ja, alter Freund; ich bedarf Uff-
munterung und Unterhaltung. Es ist doch unmöglich, daß einen Staat
so viel aufeinander folgendes Unglück treffen kann als den unsrigen. In
meiner jetzigen Stimmung ist mich nichts lieber, als daß ich erfahre,
die Welt brenne an alle vier Enden." Friedrich Gentz schrieb aus
Teplitz: „Der Tod der Königin Luise ist der härteste Schlag, der diesen
Staat jetzt noch treffen konnte. Mit ihr verschwindet nicht allein das
einzige wahre Lebenselement, das diese absterbende Maschine noch be¬
seelte, sondern auch die einzige große Dekoration, die ihr ein gewisses
äußeres Ansehen noch erhielt. Für alles, was Meinung heißt, selbst
für den gemeinen Geldkredit der preußischen Monarchie konnte nichts
Empfindlicheres geschehen." Der in Thüringen weilende Wilhelm
von Humboldt urteilte: „Der Tod der Königin ist eine wahrhafte öffent¬
liche Kalamität für Preußen und in gewissem Sinne für ganz Deutsch¬
land." Gneisenau, so kritisch er oft gegen die Königin gestimmt war,
konnte es nicht über sich gewinnen, den Trauerzug mit anzusehen, weil