Full text: Von den Uranfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (Abteilung 1, [Schülerband])

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und Kunst. In dem Hause des Pfarrers Brion zu Sesenheim wurde sein 
Herz zum erstenmal gerührt von einer wahren, reinen Liebe; die jüngere 
Tochter Friederike trat ihm so nahe, daß er dem Gedanken an eine Ver¬ 
bindung für das Leben nur mit Überwindung entsagte; aber vor ihm 
lagen noch hohe Ziele, deren Erstreitung seine ganze, ungeteilte Kraft er¬ 
forderte. Noch nach langen Jahren wurde seine Seele unruhig, wenn 
dieses rührende Bild seiner Jugendliebe vor ihm aufstieg; ihm hat er 
tiefempfundene Lieder gewidmet. 
Als das Gramen abgelegt war, kehrte er im August 1771 nach Hause 
zurück. Um sich für die praktische Ausübung seines Berufes vorzubereiten, 
ging er im Frühjahr 1772 nach Wetzlar und arbeitete bis zum September 
als Praktikant am Reichskammergericht. Die Unerquicklichkeit der dortigen 
Verhältnisse, die Verfahrenheit des Gerichtswesens und die Schroffheit der 
gesellschaftlichen Standesunterscheidungen entfremdeten ihn seiner juristi¬ 
schen Zukunft immer mehr; doch fügte er sich abermals dem Wunsche 
des Vaters und übernahm in Frankfurt die Geschäfte einer öffentlichen 
Advokatur. Aber wiederum ging seine Neigung andere Wege; zahlreiche 
Ausflüge und viele kleinere schriftstellerische Arbeiten nahmen seine Zeit 
in Anspruch; zwei Dichtungen, die damals entstanden, erfüllten Deutsch¬ 
land mit dem Ruhme seines Namens, der „Götz von Berlichingen" 
(zuerst veröffentlicht 1773) und die „Leiden des jungen Werthers" 
(1774). Von allen Seiten strömten die Besucher herbei, die den jungen 
Poeten persönlich kennen lernen wollten, Lavater, Basedow (Reise nach 
Koblenz und Düsseldorf), Klopstock, die Grafen Stolberg (Reise in die 
Schweiz) und Knebel mit den beiden Prinzen Karl August und Konstantin 
von Weimar. Eine Einladung nach Weimar wurde wiederholt, als Karl 
August die Regierung angetreten hatte; daß Goethe derselben folgte, 
gab seinem Leben die entscheidende Wendung. 
Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein; er ahnte nicht, 
daß sich hier sein Leben vollenden sollte. 
Die wachsende Freundschaft und das unbeschränkte Vertrauen des 
Großherzogs zeichneten Goethe nicht bloß ehrenvoll aus, sondern legten 
ihm auch Pflichten auf und ketteten ihn immer fester an den Weimarer 
Hof; aber der Neid schuf ihm auch zahlreiche heimliche und offene Feinde, 
die nichts unversucht ließen, ihm seine Stellung zu erschweren und sein 
Leben zu verbittern. Um Goethe vor diesen Anfeindungen zu sichern, er¬ 
nannte ihn Karl August zum Geheimen Rat (1779) und zum Kammer¬ 
präsidenten, und ließ ihn vom Kaiser in den Adelstand erheben (1782). 
Aber für Goethe wurde die Luft Weimars immer unerträglicher. — Viele 
schöne Lieder waren in dieser Zeit entstanden; größere Pläne reiften in 
seiner Seele; Iphigenie, Tasso, Egmont, Wilhelm Meister waren 
schon weit gefördert; kürzere Reisen in den Harz (1777), in die Schweiz, 
(1779, erste Begegnung mit Schiller in Stuttgart) erzeugten in ihm
	        
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