VI. Darstellungen aus öer
Erdkunde.
126. Die Lage Athens.
Hermann Hettner, Griechische Reiseskizzen, Braunschweig (Bieweg), 1853, 22.
1. Athens landschaftliche Lage ist in der Tat wunderbar
schön. Du weißt, wie lieb mir die nächste Umgebung von Rom
ist; drei glückliche Jahre meines Lebens wanderte ich fast täglich
mit immer neuem Entzücken in der Campagna umher. Aber
dennoch muß ich es sagen, die Umgebung von Athen ist viel schöner
als die Umgebung von Rom.
2. Einer der günstigsten Punkte, die ganze zauberhafte
Landschaft zu überschauen, ist der Berg von Munychia. Er erhebt
sich nicht weit vom Meere; zu seinen Füßen liegt der kleine Hafen,
der mit ihm den gleichen Namen trägt. Dieser Berg beherrscht
alle Häfen der piräischen Halbinsel. Thrasybul stürzte die dreißig
Tyrannen, indem es ihm gelang, sich zum Herrn von Munychia
zu machen. Und alle Belagerungen Athens von der Zeit Alexan¬
ders bis auf die neuesten Freiheitskriege herab beweisen hinläng¬
lich, mit welchem Rechte schon unser alter Jugendfreund Cornelius
Nepos behauptet, daß der Meister von Munychia auch immer der
Meister von Athen sei.
3. Auf diesem Berge war ich heute. Ich fragte wenig nach
den Überresten des Athenetempels und nach den Festungsmauern
und nach den alten Zufluchtshöhlen, die sich hier noch finden.
Diese Dinge sind nichtssagend und unbedeutend gegen die Fern¬
sicht, die hier unser wartet. Unter uns das sounenwarme, tief¬
blaue Meer, mit den nahen Inseln Salamis und Ägina und den
duftig violetten Felsen von Poros *) und Thermik). Weiter hin¬
über in wunderbarer Klarheit die unzähligen Buchten und Berge
und Felsriffe des langhingezogenen Küstensaumes des Peloponneses.
Und wenden wir uns dann nach der Landseite, da liegt die attische
Ebene vor uns in einer Pracht und Schönheit, die würdig zu
') int Altertum Kalaureia genannt, Insel an der Nordostküste der
Argolis. — 2) eine der Zykladen; ihr alter Name ist Kythnos.