Full text: Lesebuch für Volksschulen

102 
t 
U. Naturkunbliches. 
ormatten; brennender Durst peinigt jeden. RKein Strom führt die 
Sisberwelle dureh ein frisches Grün; weithin ist kein Gesträueh 
u erspahen. Auf heissem, schattenlosem Boden schreitet die 
Karawane. Käme im Sturme eine sehwarze Wolke, rissen Blitze 
die Schleusen des Himmels auf; es würde Rettung den Sebhmach- 
tenden bringen; das Gebrüll des Löwen wäre ihnen erwünsceht, 
dürde es döch ersehntes Land verheissen. Da liegt mitten in der 
gtillen Wüste ein Quell, ein lebendig Begrabener, der seine leise 
Stumme vernehmen lässt; das Kamel hat ihn aus der Ferne schon 
erspürt, und plötzlich gewinnt es seine RKräfte wieder, schreitet 
rasch voran, ihm lustig naeh der ganze Zug. Da steht es still 
und bäumt sieh vor Freude. Aus jedem Auge bricht ein lebender 
Strahj; die matten Glieder durchzuckt elektrisches Feuer. Es stellt 
gich die Karawane im Rreise auf; eifrig wird der Boden aufgescharrt, 
und aus des Grabes Liefe tritt der Quell glänzend an den lag, 
nd aes stürzt hin, sieh zu erlaben am unverwüstlichen Lebens- 
bome. Die erstarrten Züge werden milder, die Augen heiter; der 
Mut ist gestählt; die Kräfte wachsen. Nan lagert sgich; die Liere 
Verden gefüttert und mit dorgfalt vom Staube befreit. Da sind 
alle Draugsale vergessen; Gespräche erheitern die Nacht; Märchen 
Verden erzablt; die leere Wüste ist zu einem Paradiese geworden. — 
Vnd ist das Vest vorüber, sind die Schläuche gefüllt, die Kamele 
gotränkt, so werden die Zelte abgebroehen, die Ladungen auf- 
geschnallt; lustig ertönt die Pfeise, und die Reise geht dem Ziele 
7u. Wochen weichen vorüber; eine Ode verliert sien wieder in 
der andern in steter Einförmigkeit. Heisse Tage wechseln mit, 
Talten Nächten ab. Am Tage geht der Müde im Schatten des 
Kamels; es wendet sieh gegen ihn und leeckt ihm die Hand; des 
Nachis erwärmt es ibn. Der Chamsin) wälzt seine Gluten über 
die Ebene; das Kamel ist wieder dem Menschen Sehirm vor diesem 
Dngeheuer. Rine grüne Landschaft spiegelt sien in den Lüften; 
jn der Verne gläpzt ein dee: die Oase ist erreicht! Vergebliehe 
Hofsnung! Täuschung und Trugbilder sind es; die Landschaft 
Fergeht; der See wird zur Steppe, über velehe Salzkrystalle 
statt der Quellen ihren Glanz verbreiten. Die Wasserschläuehe 
werden leer, die Dage heisser, lästiger; die Schritte der Karawane 
erlabnen. Da wirst du, o treues Tier, nochmals der Retter deines 
errn; mit deinem Blute, mit deinem Leben erkaufst du ihm das 
geinige! Er stösst den Doleh in dein Herz, fällt, ein lechzender 
Tiger, über dieh, trinkt dein Blut und gewinnt Kraft. das blũhende 
Gẽstade der VWũsste zu erreiehen. — Das Kamel ist für den Araber 
geboren, sein Sklave, sein Reichtum von Abrahams Zeiten her bis 
zum beutigen Tage. Es ist das Schiff, auf velehem er die Wüste 
dnrehzieht, es trägt ihn zu Mekkas, zu Medinas heiligen Tem- 
peln, geleitet ihn duren die Wüste Sahara zu dem glänzenden 
9 so nennt man in Syrien einen ersehlaffenden Ostvind.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.