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V. Geschichtliches.
das Weichen der Seinigen, als er die tapfersien Scharen zusammenraffte
und den Angriff erwiderte. — Um Wachau und Liebertwolkwitz
tobte ein furchtbarer Kampf. Sechs Angriffe der Verbündeten wurden
nach und nach auf diesen Punkten zurückgeschlagen. Napoleon sammelte
hinter Wachau seine Reserven zu einem großen Schlage gegen das
Centrum und befahl sogleich einen erneuerten heftigen Angriff gegen die
beiden Flügel der Verbündeten. Noch zur rechten Zeit bemerkle dies
Schwarzenberg, und an dem Heldenmute der braven Kürassiere des
Grafen Nostiz brach sich der drohende Sturm. Da sollte Mürat
auf Napoleons Befehl eine schnelle Entscheidung herbeiführen. An der
Spitze von 8000 Mann schweren Reitern stürmte er in rasendem
Galoͤpp, daß die Erde unter den Hufen der Rosse erdröhnte, gegen die
Vierecke der Infanterie der Verbündeten, durchbrach das Centrum, und
die Schlacht schien verloren. Sogleich sandte Napoleon Siegesboten
an den König von Sachsen, ließ mit allen Glocken die Stadt läuten
und einen Dankgottesdienst veranstalten.
Wauährend die Glocken die Siegesfeier einläuteten, hielt Schwarzen—
berg neben den beiden Monarchen, Friedrich Wilhelm III. und
Alexander, auf dem Hügel zu Gossa, und nur ein kleiner Raum
trennte diese von Mürat mit seiner ansprengenden Reiterschar.
Schwarzenberg bat die beiden Monarchen, sich rückwärts zu begeben,
zog seinen Degen, stellte sich an die Spitze von 400 Leibgardekosacken
uünd stürmte mit ihnen zur Schlachtlinie hinab. Da mußte mancher
Franzose vor dem kräftigen Lanzenstoße der Kosacken den Sattel räumen,
und mit Hilfe des neumärkischen Drägonerregiments, welches ein Ad—
jutant mit dem Rufe: „Dragoner, rettet die Schlacht!“ herbeigeführt
hatte, wurde des Feindes Reihe durchbrochen. Mürat sammelte seine
wankenden Scharen zum zweiten furchtbaren Sturm. Unter dem ent—
setzlichen Donner der Geschütze greifen sie an; doch diesmal vereiteln
die Preußen den Angriff; sie werfen sich mit kühnem Löwenmute dem—
selben entgegen, um Mürats stürmende Krieger zurückzutreiben. Die
Gefahr wär vorüber; die Verbündeten konnten zum Angriffe schreiten,
inden der König von Preußen und der Kaiser von Rußland ihre Garden
vorgehen ließen. Die Vorteile, welche die Franzosen errungen hatten,
wurden ihnen von neuem abgenommen, und als der frühe Herbstabend
hereindunkelte und dem Kampse Einhalt gebot, hatten die beiden feind—
lichen Heere fast dieselbe Stellung wieder eingenommen, die sie vor
Beginn des Kampfes behaupteten.
Nur Blücher hatte an diesem Tage bereits einen glorreichen
Sieg errungen. Zwar mordeten die Kugeln furchtbar in den Reihen
der todesmutigen Vaterlandsverteidiger; zwar waren diese dreimal aus
dem Dorfe Möckern geworfen worden, das sie dreimal erobert hatten;
aber sie rafften bei dem Gedanken an die Rettung des Vaterlandes
alle ihre Kraft zusammen. Die Schwerter sausten; die Kolben krachten;
die Batterie ward erobert und der Feind aus dem brennenden Dorfe
vertrieben, dann aber mit Hilfe russischer Scharen dicht an die Mauern
Leipzigs gedrängt.