Full text: Lesebuch für die Oberklassen der Volksschulen

57. Wilhelm Tell. 3 
damit er und andere Landvögte nach ibm um so sicherer dort 
wohbnen möchten, wenn Aufrubr entstünde, und aueb das Land 
in desto gröberer Purcht und im Gehorsam erhalten würde. Er 
fing also an, auf einem bei Altdorf, dom Hauptflecken, gelegenen 
Hügel den Bau ins Werk zu richten, und wenn ibn jemand 
fragte, wie dié Peste heiben werde, antworteté er: »Zwinguri 
wird ihr Name sein.« Das verdrob die edlen Landsassen und 
gemeinen Landleute in Uri, und als sie sieb das merken Lieben, 
wurde Gebler grimmig und drohte, er wollte sie so weich und 
zahm machen, dab man sie um einen Finger vinden könne. Da 
lieb er zu Altdorf am Platze bei der Lände, wo viele vorüber— 
gingen, eine Stange aufrichten, einen Hut oben darauf legen und 
gebieten, dab jeder, der vorüberginge, sich dem Hute neigen 
sollte, als ob der König selbst zugegen wäre, widrigenfalls ihn 
Verlust seines Gutes und Leibesstrafe treffen würde. Auch stollte 
or einen steten Wächter hin, der diejenigen anzeigen sollte, velehe 
dem Gebote nicht Polge leisteten. Dieser grobo Ubermut drũckte 
das Volk noch ärger als der Bau des Schlosses; doch wagten sie 
aus Furcht vor des Kaisers Ungnade und gewaltiger Macht keine 
Widersetalichkeit. 
B. ———[ —— 
Da ging an einem Sonntage im November ein redlicher, 
frommer Landmann, Wilhelm Tell genannt, an dem aufgesteckten 
Hute vorüber, ohne sich vor ihm zu neigen. Das ward dem 
Landvogt angezeigt. Morgens danach, am Montage, beruft der 
den Tell vor sich und fragt, varum er seinem Gebote nicht go— 
horsam gewesen wäre und dem Kaiser wie auch ihm zum Drotz 
sich vor dem Hute nicht geneigt hätte. Tell gab zur Antwort: 
»Lieber Herr, es ist von ungefahr und nicht aus Verachtung ge- 
schehen; ieb dachte nicht, dab es Euer Gnaden so hoch ansehen 
würden.« Nun war der Tell ein guter Armbrustschütze, dab 
man einen bessern kaum fand, und hatteꝰ hubsche Kinder, dio 
ihm lieb waren. Die lieb der Landvogt holen und sprach: »Tell, 
welches unter den Kindern ist dir das liebste?« Tell antwortete: 
»Herr, sio sind mir alle gleich leb.« Da sprach der Landvogt: 
»Wohlan, Tell, du bist ein guter Schũütze, wie ich höre. Nun 
wirst du deine Kunst vor mir bewähren und einem deiner Kinder 
einen Apfel vom Haupte schieben. Triffst du ihn nicht auf den 
orsten Schub, so kostet es dich dein Leben.« Der Tell erschrak 
5.
	        
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