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Title:
Deutsches Lesebuch für die Oberstufe mehrklassiger Schulen
Persons:
Ruete, Hermann Bürkner, Hugo Schumann, Johann Christian Gottlob
PURL:
https://gei-digital.gei.de:443/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-18713189
<br> 178 <br> 34. Da er ihn also nannte, der kühne junge Mann, <br> Mit seinem Namen Ortwein, da sah ihn wieder an <br> Gudrun die arme; ob es ihr Bruder wäre, <br> Das wüßte sie so gerne; so würd' erleichtert ihres Herzens Schwere. <br> 35. Sie sprach: „Wie ihr auch heißet, ihr seid untadelig. <br> Einem, den ich kannte, gleicht ihr seltsamlich; <br> Er war geheißen Herwig und war von Seelanden; <br> Wenn der Held noch lebte, so löst' er uns aus diesen strengen Banden. <br> 36. „Ich bin auch ihrer eine, die mit Hartmuts Heer <br> Im Streit gefangen wurden und geführet über Meer. <br> Ihr suchet Gudrnnen: das thut ihr ohne Noth, <br> Die Magd von Hegelingen fand vor großem Leid den Tod." <br> 37. Da thränten Ortweinen seine Augen licht; <br> Die Kunde ließ auch Herwig unbeweinet nicht. <br> Als sie das vernahmen, daß gestorben wäre <br> Die Magd von Hegelingen, das belud ihr Herz mit großer Schwere. <br> 38. Als sie die Helden beide vor ihr weinen sah, <br> Die geraubte Jungfrau sprach zu ihnen da: <br> „Ihr gehabt euch also bei dieser Trauermäre, <br> Als ob die edle Gudrun euch verwandt, ihr guten Helden, wate." <br> 39. Da sprach der König Herwig: „Wohl traur' ich um die Maid, <br> Sie ist mein Weib gewesen auf alle Lebenszeit. <br> Sie war mir zugeschworen mit Eiden fest und stäten; <br> Nun hab' ich sie verloren durch des alten Ludwigs grimme Räthe." <br> 40. „Ihr wollt mich betrügen", sprach die arme Magd, <br> „Von Herwigens Tode ward mir oft gesagt. <br> Die höchste Wonn' auf Erden sollt' ich in ihm gewinnen; <br> Wär' der noch am Leben, so hätt' er längst mich geführt von hinnen." <br> 41. Da sprach der edle Ritter: „So seht meine Hand, <br> Ob ihr dies Gold erkennet: Herwig bin ich genannt. <br> Mit diesem Mahlschatz sollt' ich Gudrnnen mimten; _ <br> Seit ihr denn meine Gattin, wohlan, ich führ' euch minniglich von hinnen." <br> 42. Wie nach der Hand sie schaute und nach dem Ringelein, <br> Da lag in dem Golde von Abale der Stein, <br> Ter beste, den sie je gesehn all ihres Lebens Tage; <br> Einst hatt' ihn Gudrune, die schöne, selber an der Hand getragen. <br> 43. Sie lächelte vor Wonne; da sprach das Mägdelein: <br> „Das Gold erkenn' ich wieder, vor Zeiten war es mein. <br> Nun sollt ihr dieses sehen, das mein Gebieter sandte, <br> Da ich armes Mädchen mit Freuden war in meines Vaters Lande." <br> 44. Wie nach der Hand er schaute und das Gold ersah, <br> Herwig der edle sprach zu Gudrun da: <br> „Dich hat auch anders niemand als Königsblnt getragen; <br> Nun hab' ich Freud' und Wonne gesehn nach langem Leid und bösen Tagen." <br> 45. Da umschloß er mit den Armen die herrliche Maid; <br> Was sie gesprochen hatten, gab ihnen Lieb und Leid. <br> Auch bedeckt' er mit Küssen den Mund, die niemand zählte, <br> Ihr und Hildebnrgeu, der minniglichen Magd, der auserwählten.