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Title:
Deutsches Lesebuch für die Oberstufe mehrklassiger Schulen
Persons:
Ruete, Hermann Bürkner, Hugo Schumann, Johann Christian Gottlob
PURL:
https://gei-digital.gei.de:443/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-18713207
<br> 180 <br> 58. „Du bist nicht die Löste, du sollst die beste sein; <br> Edle Königin, hehle für jetzt die Reise mein; <br> Eh morgen scheint die Sonne, lieg' ich hier zu Felde, <br> Das glaub' auf meine Treue, vor dieser Burg mit achtzigtausend Helden." <br> 59. So schnell als sie konnten, fuhren sie hindann. <br> Da hub ein härt'res Scheiden zwischen Freunden an <br> Als je Freunde thaten, das darf man mir wohl glauben. <br> Sie begleiteten die Boten so fern als sie nur konnten mit den Augen. <br> 60. Der Wäsche nun vergaßen die herrlichen Frau'n. <br> Wohl konnt' es aus der Ferne die böse Gerlind schaun, <br> Daß sie müßig waren da unten auf dem Strande. <br> Da zürnte sie gewaltig; ihr lagen sehr am Herzen die Gewände. <br> 61. Da sprach die schöne Hildburg, die Maid aus Irland: <br> „Was laßt ihr, Königstochter, liegen das Gewand, <br> Daß ihr Ludwigs Degen zu waschen säumt die Kleider? <br> Und wird das Gerlinde inne, so that sie uns mit Schlagen niemals leider." <br> 62. Da sprach die Tochter Hildens: „Dazu bin ich zu hehr, <br> Der bösen Gerlind waschen will ich nimmermehr, <br> Nun verschmäh' ich Dienste zu leisten so geringe, <br> Da mich zwei Könige küßten und mit den Armen herzend mich umfiengen." <br> 63. „Ihr dürft mir nicht verdenken", hub Hildburg wieder an, <br> „Daß ich zum Waschen rathe; wir thäten klüger dran, <br> Als daß wir so die Kleider in die Kammer tragen, <br> Sonst wird uns beiden der Rücken übel heute noch zerschlagen." <br> 64. Da sprach die Enkelin Hagen's: „Freude nahet mir, <br> Trost und hohe Wonne; ob sie bis morgen hier <br> Mich mit Besen schliigen, daran würd' ich nicht sterben; <br> Doch die uns so mißhandeln, deren müssen viele bald verderben. <br> 65. „Ich will diese Kleider tragen zu der Flut; <br> Es soll ihnen frommen", sprach das Mägdlein gut, <br> „Daß ich mich vergleichen darf mit Königinnen; <br> Ich werfe sie ins Wasser, daß sie lustig fließen von hinnen." <br> 66. Was auch Hildburg redete, Gudrun trug hindann <br> Frau Gerlindens Linnen; zu zürnen hub sie an, <br> Sie schwang sie aus den Händen weit in die Wogen. <br> Sie schwebten eine Weile; ich weiß nicht, ob sie je hervor sie zogen. <br> 67. Die Nacht begann zu dunkeln, da längst der Tag zerrann. <br> Hildeburg gieng traurig zu der Burg hindann: <br> Sie trug drei Kleider und schöner Tücher sieben; <br> Bei ihr gieng Ortweins Schwester; die war der Wäsche ledig heut' geblieben. <br> 68. Es war schon spät geworden, da kamen sie ans Thor <br> Der Veste König Ludwigs; da fanden sie davor <br> Die üble Gerlind' harren auf ihr Ingesinde. <br> Die edeln Wäscherinnen grüßte sie mit Worten ungclinde. <br> 69. „Wer hat euch das erlaubet", sprach des Königs Weib, <br> „Schmerzlich soll es büßen euer beider Leib, <br> Daß ihr so spät am Abend euch mögt am Strand ergehen; <br> Nicht ziemt es Königsfrauen, in ihrer Kammer euch hinfort zu sehen."