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„Von außen, ja, — aber nicht, was in ihm ist, was aus ihm
werden kann,“ sagte der Vater. „Mein Sohn, dieses unscheinbare
Bäumchen wird einmal, will's Gott, als ein hoher, schöner Baum
mit seinen Blüten und Früchten uns erfreuen, — wenn wir Geduld
haben; denn jetzt noch ruhet in ihm die Kraft des Wachstums, und
seine Fruchtbarkeit schlummert unwirksam in ihm verborgen.“
Im Herbste fand der Knabe seinen Vater wieder bei dem Bäumchen;
er pflanzte einen Stab daneben und band es an.
„Warum tust du das?“ fragte der Knabe. „Du nimmst ihm
seine Freiheit!“
Der Vater antwortete: „Darum, daß der Wind es nicht zerknicke,
wenn es ohne Stütze ist; damit es schlank und gerade in die Höhe
wachse. Jetzt ist es noch zu schwach, um sich selbst zu tragen.“ Darauf
schnitt er vorsichtig einige Zweige von dem Stamme des Bäumchens,
lockerte ringsumher den Boden auf und umgab es mit Dornen, um
das Vieh davon abzuhalten.
„Dies alles,“ sagte er, „tue ich dem Bäumchen zu Liebe, damit
die verborgene Kraft unbeschädigt in ihm wachse und zum Guten
gedeihe.“
Der Winter war kaum zu Ende, so führte der Vater seinen
Knaben wieder zu dem Bäumchen in den Garten. Er hatte von
einem andern Apfelbaume, der im Herbst die edelsten Früchte getragen,
ein frisches Reis geschnitten. Jetzt nahm er sein Messer, schnitt zu,
und die Krone des Bäumchens fiel zu Boden.
„O weh!“ rief der Knabe und erschrak. „Nun ist die Mühe
vergebens.“
Aber der Vater lächelte, pfropfte das fremde Reis auf den Rumpf
des Bäumchens und verband es sorgfältig. Darauf sagte er: „Siehe,
mein Sohn, wäre das Bäumchen ohne Zucht und Pflege draußen im
Walde geblieben, so wäre es aufgewachsen schief und knorrig, wie es
der Zufall gibt; es hätte nur herbe, ungenießbare Früchte getragen.
Jetzt habe ich seinen Wuchs geleitet; ich habe seinen wilden Trieb
durch dieses Reis veredelt, damit sich sogleich mit dem sprossenden
Frühling seine volle Kraft dahinein ergieße. Es hat nun die Richtung,
in welcher es zu einem kräftigen Baume erwachsen kann.“
So wie der Frühling vorrückte, breitete auch das Bäumchen seine
Zweige und Äste immer lustiger aus. Der Knabe freute sich, wenn
er's sah, und holte den Vater herbei, als er die ersten Blüten daran
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