774 HI. Die vereinigten Staaten Nordamerikas.
Großstädte, und doch sind sie in den Zeiten der Wahlen wertvolle und teuer bezahlte
Bestandteile der Nation. Da werden sie von den Parteiführern förmlich geworben, um
durch ihre Fäuste und Messer die Gegenpartei zurückzuschrecken, damit der Mann ihrer
Wahl obsiege. Geliugts, so werden ihre Häupter durch Anstellungen belohnt, oft in der
Polizei selbst. Überdies sind viele dieser Bursche aus guten Familien. Da nämlich schon
der Knabe ein Freiherr ist, und die elterliche Zucht nicht weit reicht, weiß der Junge die
Jugendjahre häufig mit nichts Anderem auszufüllen, als daß er sich in Gassenstreichen,
in Ubermut und Frechheit hervorthnt. Manche sonst gutmütige Leute freveln aus Lust
am Lärmen und Raufen, aus Prahlsucht und Mutwillen. Aufs ärgste treibt maus am
Unabhängigkeitsfest, am „glorreichen 4. Juli" (1776), da rennen auch Buben mit Revol-
vern umher und schießen darauf los, daß niemand seines Lebens sicher ist. Raub und
Mord kommen vielfach in den Straßen vor, die Polizei ist ohnmächtig, und von den
Schwurgerichten werden oft Mörder und Gauner freigesprochen; Meineid und freche Fäl-
schungen in den Staatsämtern wie im Geschäftsleben sind alltägliche Dinge. Bis zum
Jahr 1875 bestand ungebrochen ein förmlicher Bund der Gemeindebeamten zur Ausbeu-
tuug der Stadt, der „Tammany-Ring", durch dessen Betrügereien die Schuld New-Iorks
die Summe von lOS^/a Mill. Doll. (1880) erreichte. Prozesse werden zu kostspielig; da-
rnm verschafft sich der Beschädigte häufig mit Dolch und Revolver selbst sein Recht.
Nichts gilt als Geld. — Doch nein! fast noch mehr gilt das Weib. Sie darf nicht ar-
beiten wie in Europa, ist nicht sowohl Gehilfin als Herrin des Mannes, der auf dem
Markt einkauft. Das weibliche Geschlecht verdankt diese bevorzugte Stellung hanptsäch-
lich seiner Minorität gegenüber den Männern, deren Überschuß 1870 beinahe eine halbe
Million betrug. Schon predigen, studieren, doktorieren und agitieren die Frauen, sie ent-
ziehen sich dem Mutterberus, hoffen sogar noch im Kongreß mitzntagen und besprechen
die Abschaffung der Ehe.
New-Aork ist eine gutgebaute Stadt mit langen, geraden Straßen. Aber dem Euro-
päer mangeln in ihr die ehrwürdigen Denkmäler unserer alten Städte, die das junge
Amerika freilich nicht haben kann. Die amerikanischen Städte gleichen samt und sonders
neuen englischen Städten: wer eine gesehen, hat alle gesehen. Sie bestehen meist aus
schmucklosen Backsteinhäusern, gewöhnlich zweistockig mit drei Schiebfenstern in der Fronte,
unten der wohnbare Kellerraum. Zwischen den Reihen der fast gleich hohen Häuser steht
mitunter ein größeres Lnxnshaus mit Vorderseite aus gehauenen Steinen, oft mit Ver-
zierungen überladen. Die Kirchen sind meist Sache der Spekulation, denn die Ver-
mietung der Betstühle, in den marmornen Kirchen zu 50 Dollars (ä 4 Mk. 20 Pfg.),
in den backsteinernen Kirchen zu 5 Dollars, ist ein einträgliches Geschäft. Dies und die
Zerfahrenheit der Sekten, aber auch die Opferwilligkeit der kirchlich gesinnten Amerikaner
hat über Tausend in der Regel kleine Kirchen zu Staude gebracht. Die Dreieinigkeitskirche mit
ihrem 85 m hohen Turm gilt für die schönste Kirche der Union, sie gehört den Epis-
kopalen. Unter andern großen Bauwerken ist die Stadthalle mit ihrer weißen Marmor-
fafsade bemerkenswert, besondere Pracht entfalten auch die für den großen Verkehr be-
stimmten Gebäude, die Börsen, Bahnhöfe, Zollgebäude, Handelshäuser"') und Gasthöfe.
Für die Menge der Straßen hat man am Ende keine Namen mehr aufzubringen
gewußt, mau hat ihnen nun bloß Zahlen gegeben; besonders in den entfernteren Gegen-
den der Stadt, wo die meisten der 300 000 Deutschen (Fabrikarbeiter 2C.) wohnen, und
die mit ihren kasernenähnlichen Miethäusern und ärmlichen Bierkneipen die Kehrseite der
Pracht in den vorderen Geschäfts- und vornehmen Straßen, wie Broadway und fünfte
Avenue, bilden. Am ärmlichsten find die Quartiere der 340000 Jrländer. Aber auch
aus eleganten Kaffeehäusern strecken behandschuhte Herren ihre Beine zu den Fenstern
heraus, kauen Tabak und spucken auf die Teppiche; die Damen rauchen und besuchen die
Eisrahmhallen, die, sowie die Austernkeller, mit zauberischer Pracht ausgestattet sind.
Sonst ist die Versorgung des Magens ein Geschäft, das man mit der unglaublichste»
*) So hat der Handelsfürst Stewart 1868 ein Prachtgebäude von 60 bei 90 m fast ganz aus Eisen auf-
geführt in 8 Stockwerken, wovon 3 unter der Straße, da auf einer Fläche von 24 Morgen Ellenwaren zum Ver-
kauf ausgestellt sind. Alles wird mit Dampf geheizt, Dampf treibt auch zwei Hebemaschinen, welche die Damen
der Mühe des Treppensteiges überheben. Solche drängen sich besonders Nachts hier zusammen, wenn die zahl-
losen Kronleuchter durch Elektrizität angezünder werden, um sich von den 2000 Angestellten die teuren Waren
zeigen zu lassen. Dies ist nur Ein Laden in der uptown (obern Stadt); in der untern hatte der Mann, dessen
Vermögen 100 Mill. betragen haben soll, einen Marmorpalast zum Großverkauf :e.