Volltext: Spiegel neudeutscher Dichtung

Paul Ernst. 
siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es 
köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ 
Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse 
eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert. 
Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuche, in dem vorn 
die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren 
Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt 
wurde; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen. 
Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange 
auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und sonnenschein— 
durchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die kleinen 
Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die Groß— 
mutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor 
der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter, welche ihre Schwieger— 
tochter war, wegen des Grabes ihres toten Mannes, das um diese 
Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich sagte sie, daß sie sich 
jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben, sie wolle sich legen; aber 
auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr Bett solle hier in der 
Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr Lehnstuhl gestanden. 
Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, 
sie werde von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, 
daß heute abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden 
solle, wie die Großmutter es wünsche. 
Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der 
Stube im Bett; sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb 
saß; deshalb vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn 
der Vater abends nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand 
und sprach ein paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger 
geworden wie vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr 
sonst nichts mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Lecker 
bißlein, das die andern nicht bekamen. 
Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die 
kam und fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: 
„Ich wollte dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so 
sind nicht alle jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich 
gewesen, aber ich habe es immer gut gemeint.“ Da sah Hans, wie 
seiner Mutter die Tränen kamen, daß sie die Schürze vor die Augen 
nahm und schnell fortging. 
Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl 
er gern draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse 
leiten und Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder 
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