Volltext: Spiegel neudeutscher Dichtung

Paul Ernst. 
Kanäle graben und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in 
der Stube bei der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der 
alten Zeit. 
Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau 
von außen und innen und zählte die Fenster und Türen, und die Defen 
beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde prächtig 
und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der Wiese, 
und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und 
vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfel— 
baum, der trug Vorsdorfer, solche Aepfel gab es nicht mehr; und von 
Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende 
länger wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen 
vom Boden, die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war 
Silberbote gewesen, das war ein Bergmann, auf den man e 
Stücke hielt, der mußte zweimal in der Woche das ausgebrachte Barren— 
silber zur Münze bringen. Da ging er denn abends zum Herrn Berg— 
rat, der packte die Barren in einen Tornister, den versiegelte er; dann 
kam er wieder nach Hause und verschloß den Tornister in seinem Koffer 
und nahm den Schlüssel in die Tasche; denn früh am andern Morgen 
um drei Uhr mußte er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit 
gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit war oftmals der Weg 
verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals der Wald noch 
efährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab es auch 
a Deshab holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus 
dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Manne, 
der unter die Räuber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und 
beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende 
sangen sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen 
aufwachten, so war der Vater schon lange uuf dem Wege; und erst am 
Abend um neun kam er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, 
das mußte ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn 
es aber um die Zeit war, daß der Vater heimkehren mußte, so harrten 
alle in Angst, und oftmals gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht 
hatten, es möchte ihm etwas geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer 
behütet, und er hat ein hohes Alter erreicht. 
In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und 
fromme Reden, indem sie begann: „And wenn ich tot bin, so vergiß nicht, 
was ich dir jetzt sage.“ Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in 
heutiger Zeit die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot 
wie früher und sich viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein 
Kind gewesen, haben die Menschen andere Gedanken gehabt; indessen sei 
234
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.