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199. Vom begrabenen Baum und der Steinkohle.
Es war einmal ein Baum, der stand im finstern Walde in einem
kiefen, schwarzen Sumpfe. Er trug nur Zweige und Blätter, aber keine
Blumen und Früchte. Kein Vogel wohnte auf dem Baume, kein Eich—
hörnchen war in dem Walde, nur Fliegen und Mücken summten durch
die feuchte Luft. Es war einsam und öde im Sumpfwalde. Als der
Baum alt geworden war, wurden seine Wurzeln mürbe. Der Wind rüttelte
am Stanm, der Baum fiel um und ward in dem schwarzen Sumpfe
begraben. Große Eidechsen und Krokodile krochen über ihn hinweg, und
das schlammige Wasser bedeckte ihn. Die Wellen trieben Sand und Schutt
darüber hin und begruben ihn tief und immer tiefer. Da ward der
Stamm ganz schwarz und sein Holz fest wie ein Stein.
Viele tausend Jahre waren vergangen. Das Wasser hatte sich all—
mählich verlaufen. Aus dem Sumpfe war trocknes Land geworden. Dort
wohnten die Leute. Niemand wußte davon, daß tief in der Erde der tote
Baum und seine Kameraden begraben lagen. Da grub der Bergmann ein
tiefes Loch in den Grund, einen Schacht. Er suchte nach edeln Metallen
und fand den schwarzen, verschütteten Wald. „Steinkohlen! Glück auf!“
rief er voll Freuden, und alle Leute droben freuten sich mit. Die toten
Baume wurden wieder hinaufgeschafft in den lieben Sonnenschein. Ein
Sluck des Baumstammes kam in die Küche und half das Essen mitkochen,
ein zweites wanderte in die Wohnstube und in den Kohlenkasten, ein
dritles Stück kam in die Gasfabrik. Hier ward es geglüht und in
brennbaxe Luft verwandelt. Die brennbare Luft wanderte durch lange,
lange Eisenröhren unter der Erde hin nach den Häusern in der Stadt
Und bis in die Stube. Dort ward sie angezündet und erhellte das ganze
Zimmer. Ein viertes Stück Steinkohle ward zur Lokomotive getragen
und mußte dort Dampf machen helfen. Da schnaubte und ächzte der
Feuerwagen, und der ganze Zug rollte schnell von einer Stadt nach der
ündern und nahm alle Leute und Güter mit, die darin waren.
Nun wirst du aber vielleicht meinen: es sei doch ein sehr schlimmes
Ding für den alten Baum, daß er zuletzt noch verbrannt wird, nachdem
er schon viele Jahre begraben gewesen ist. Beim Brennen verwandelt
sich die Steinkohle in unsichtbare Luft. Diese zieht durch den Schorn—
stein, durchs Fenster oder durchs Schlüsselloch hinaus ins Freie bis hinauf
in die Wolken. In den Wolken reist sie nach dem Walde im Gebirge
und kommt im Regen wieder herab zu Blumen, Büschen und Bäumen.
Dann trinken alle Gewächse davon und wachsen. So kommt der ver—
brannte Baum abermals in den Wald.