505
herunterkommt, um seine Nahrung zu suchen. Sein glänzendes Prachtgefieder
dient zum Kopfputz vornehmer Frauen. — Die pfadlosen Urwälder Südamerikas
hallen wieder von den mannigfaltigsten Stimmen gefiederter Sänger. Beson¬
ders merkwürdig ist das weithin schallende Grunzen des zinnober-rothen Tunqui,
der in den zahlreichen Schlingpflanzen hin- und herflattert, und der dem Ge¬
brüll eines Stieres ähnliche Ruf des schwarzen Stiervogels. Mitten unter
diesen Klängen vernimmt man den einförmigen Gesang des Pirols, welcher
fein beutelförmiges Nest zwischen den Zweigen der Bäume aufhängt, so wie
den über Alles entzückenden Gesang eines einfach braungefiederten Sängers, den
die Peruaner den Organisten oder Flötenspieler nennen. Ueber den Eisgipfeln
der Anden wiegt sich in majestätischem Fluge der Condor, ein Riese unter den
Geiern; an dem Stamme der Palmen am Ufer des Marannon hämmert der
Aras, während sein ellenlanger, himmelblauer Schweif vom Baume herabhängt.
Edelsteinen gleich, schwärmen von Blüthe zu Blüthe in den Urwäldern Gnianas
und Brasiliens die Kolibris, die kleinsten aller Vögel, mit ihr'em rubin-, topas-
und smaragdfarbenen Gefieder.
Unglaublich reich bevölkert ist die Jnsektenwelt der heißen Zone. Alles
übersäend und zerfressend nahen oft die Termiten, eine weiße Ameisenart, den
Wohnungen der Südamerikaner. Tödtlich sind die Stiche des Skorpions und
der Tarantel. Auf den saftig-grünen Gebüschen glänzt eine Unzahl von man¬
nigfaltig gestalteten Käfern in den schönsten Farben. Lautes Zirpen und Schnar¬
ren der großen Grillen und Cikaden ertönt auf der sonnigen Flur der Prairien
und im kühlen Urwalde. Sinkt aber die Nacht auf die Erde herab, und wen¬
den sich die meisten Thiere der Ruhe zu; so regt sich in den Gebüschen das
Heer leuchtender Insekten. Auf Augenblicke sieht man die dunkle Umgebung
von diesen lebensfrohen Thierchen erhellt. In den schattenreichen Wäldern flat¬
tern in zahlloser Menge die prächtigen Schmetterlinge umher.
Brasiliens üppiger Boden erzeugt die nützliche Baumwollenstaude, die zu
den meisten unserer Kleidungsstücke den Stoff liefert. In den kunstvoll einge¬
richteten Fabriken Englands wird er zu diesem Zwecke hergerichtet. In Bra¬
silien wird auch das Zuckerrohr angebaut. Unter den Gräsern ist das riesigste
das Bambus, aus dem die Bewohner der heißen Zone ihr Hausgeräth machen.
Sein dichtes, undurchdringliches Gebüsch schützt die Wohnungen der Menschen
gegen Ueberfälle der Raubthiere. ' ,
68. Die gemäßigten Zonen.
In den gemäßigten Zonen wechselt die Wärme in der Regel von 4 bis
zu 24 Graden ab. Jede umfaßt einen Flächenraum von 2,400,000 Quadrat¬
meilen. Regelmäßig findet der Wechsel der vier Jahreszeiten statt» wogegen
die Winde und die Witterung häufig unregelmäßig abwechseln. In den an den
Wendekreisen liegenden Landstrichen Süd-Europas, Nord-Afrikas, Mittel-Asiens
und Nord-Amerikas im Norden, so wie Süd-Neu-Hollands und der Spitzen
von Süd-Afrika und Süd-Amerika im Süden kommen zum Theil noch die
Gewächse der heißen Zone fort. Vorherrschend sind aber die myrthen- und
die lorbeerartigen Bäume und Sträucher. Ganz besonders sind die gemä¬
ßigten Zonen die Heimath der Getreidearten. Kräftig gedeihen der Weizen
und der Hafer in den fruchtbaren Niederungen, während Gerste und Roggen
auf dem höher gelegenen Lehmboden die besten Ernten geben. An den Ab¬
hängen der Berge wird der Wein gebaut; südlicher, als dieser, reift die Olive,
aus welcher Oel gepreßt wird. Die Cypresse ist der Waldbanm in den Ge¬
genden, die den Wendekreisen zunächst liegen; nördlicher sind es die Eiche und
die Buche, die schattigen Laubhölzer überhaupt; ganz im Norden die Nadel¬
hölzer. Die Obstbäume sind allgemein verbreitet. Die saftreichen Früchte, wie
die Orangen, Granatäpfel und Feigen, gedeihen in den Nachbarländern der
tropischen Zone, nördlicher die Kirschen, Pflaumen, Aepfel und Birnen. Auf