Volltext: Deutsches Lesebuch (Cursus 2)

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„Wenn der Herr wiederkommt,“ sagte sie, „und findet das alte 
Bett nicht mehr! Oder, wenn Reisende kommen und es sehen wollen? 
Das wird dann gleich in Zeitungen bekannt, und wir kommen um Ehre 
und Reputation, und die Trinkgelder dafür gehen uns auch ab.“ — 
Der Mann aber, schon halb berauscht, befahl der Frau, zu schweigen, 
und da sie das nicht that, sondern immer heftiger keifte und die geball— 
ten Hände gegen ihn aufhob, holte er mit dem Beile aus und hieb nach 
ihr; der Hieb aber traf sie nicht, sondern das Bettgestell. Von dem 
gewaltigen Schlage sprangen die Seitenwände krachend auseinander; der 
geheime Kasten fuhr auf, und eine Fluth von Goldstücken ergoß sich dar— 
dus. Mit offnem Munde starrte der Mann die unglaubliche Erschei— 
nung an; sein Rausch verschwand im Augenblick, und er warf sich über 
das Gold her, um sich mit seinen Händen zu überzeugen, daß es kein 
Traum sei. Die Frau that dasselbe von der andern Seite, und so be— 
gegneten sich in dem unglückseligen Metalle die Hände, die sich einen 
Augenblick vorher so feindlich gegen einander erhoben hatten. 
Der Friede, der auf diese Weise geschlossen worden, war nicht von 
langer Dauer. Das Bett wurde wieder zusammiengeflickt, und das Gold 
in eine Lade geschlossen; was aber vorher in dem Haushalte nicht gut 
gewesen war, wurde jetzt nicht besser, sondern verschlimmerte sich von 
Tag zu Tag. Der Mann trank, die Frau zankte; und zwischen ihnen 
lag der Mammon, den sie mit Angst verheimlichen mußten. Es war 
eine Hölle auf Erden. Der Winter war vergangen; der Frühling wollte 
auch zu Ende gehn, und die Hölle wurde immer heißer. Da dachte die 
Frau: „Soll ich um des Trunkenboldes willen ein so elendes Leben 
führen bis an mein Ende? Ich könnt' es ja besser haben.“ — Dann 
verabredete sie mit einem Mädchen, das ihr aufwartete, wie sie den 
Mann aus der Welt schaffen und dann recht vergnügt mit einander 
leben wollten. Und als der Mann in der Nacht trunken nach Hause 
kam und die Treppe hinauftaumelte, fing die Frau von der obersten 
Stiege her einen Zank mit ihm an, und als er den Stock gegen sie auf— 
hob, fiel sie mit dem Dienstmädchen über ihn her, und beide zusammen 
stürzten ihn kämpfend die Treppe hinab. Der Fall war hoch; mit einem 
Fluche im Munde kam der Trunkene am Boden an, und nach kurzem 
Röcheln gab er den Geist auf. 
Nachdem sich nun die Frau überzeugt hatte, daß er wirklich todt 
sei, erhob sie und ihre Gehülfin ein Jammergeschrei und rief Leute her— 
bei und beschwor den Doctor und Barbier, ihn wieder lebendig zu ma— 
chen; und da sie sich dabei so natürlich anzustellen wußte, hegte Nie— 
mand Verdacht. Diese Rolle spielte sie auch noch einige Tage fort; wenn 
sie aber vor den Leuten viele Thränen vergossen hatte, schloß sie sich in 
ihre Kammer ein, öffnete ihre Lade und lächelte ihr schönes Gold an. 
Rach Verlauf einiger Wochen zog sie mit ihrer Magd nach London, um 
in dieser großen Stadt ihr Leben zu genießen, wie sie meinte. Das 
ging denn auch in den ersten Wochen, und während ihr Alles noch neu 
war, ganz erträglich; aber das böse Gewissen war mitgezogen, und 
wenn dies auch am Tage in dem Geräusche der Straßen und dem Ge— 
tümmel der Menschen schweigen mußte, so schrie es desto lauter bei 
Nacht, und das Weib konnte die Augen nicht schließen, ohne daß das
	        
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