22. Der Husar in Neiße. 
Als im Anfange der franzoͤsischen Staatsumwaͤlzungen 
die Preußen mit den Franzosen Krieg fuͤhrten und durch die 
Provinz Champagne zogen, dachten sie nicht daran, daß sich 
das Blaͤttlein wenden koͤnnte, und daß der Franzose noch 
im Jahre 1806 nach Preußen kommen und den ungebetenen 
Besuch wett machen werde. Denn nicht Jeder fuͤhrte sich 
auf, wie es einem braven Soldaten in Feindesland wohl 
ansteht. Unter Andern drang damals ein brauner preußi⸗— 
scher Husar, der ein boͤser Mensch war, in das Haus eines 
friedlichen Mannes ein, nahm ihm all sein bares Geld, so 
viel war, und viel Geldeswerth, zuletzt auch noch das schoͤne 
Bett mit nagelneuem Ueberzug, und mißhandelte Mann und 
Frau. Ein Knabe von 8 Jahren bat ihn kniend, er moͤchte 
seinen Eltern doch nur das Bett wiedergeben. Der Husar 
stoͤßt ihn unbarmherzig von sich. Die Tochter laͤuft ihm 
nach, haͤlt ihn am Dolman *) fest und fleht um Barmher⸗ 
zigkeit. Er nimmt sie und wirft sie in den Sodbrunnen, **) 
der im Hofe steht, und rettet seinen Raub. Nach Jahr 
und Tagen bekommt er seinen Abschied, setzt sich in der 
Stadt Neiße in Schlesien, denkt nimmer daran, was er 
einmal veruͤbt hat, und meint, es sei schon lange Gras 
daruͤber gewachsen. Allein was geschieht im Jahre 18067? 
Die Franzosen ruͤcken in Neiße ein; ein junger Sergeant 
wird Abends einquartirt bei einer braven Frau, die ihm wohl 
aufwartet. Der Sergeant ist auch brav, fuͤhrt sich ordent⸗ 
lich auf und scheint guter Dinge zu sein. Den andern Mor⸗ 
gen kommt der Sergeant nicht zum Fruͤhstuͤck. Die Frau 
denkt, er wird noch schlafen, und stellt ihm den Kaffee ins 
Ofenrohr. Als er noch immer nicht kommen wollte, ging 
sie endlich in das Stuͤblein hinauf, macht leise die Thuͤr 
auf, und will sehen, ob ihm etwas fehlt. 
Da saß der junge Mann wach und aufgerichtet im Bette, 
hatte die Haͤnde in einander gelegt und seufzte, als wenn 
ihm ein großes Ungluͤck begegnet waͤre, oder ais wenn er das 
) Dolmau — ein kurzer türkischer Mantel 
) Sodbrunnen — ein Brunnen, aus welchem das Wasser mittelst 
eines Eimers heranfgezogen wird.
	        
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