Full text: Angewandte Geschichte

Vorwort. 
Die beste Erziehung zum Staatsbürger ist ein gründlicher, 
guter Geschichtsunterricht. 
Ich würde es lebhaft bedauern, wenn auf unseren höheren Schulen 
von den Geschichtsstunden ein „Unterricht in der Bürgerkunde" getrennt 
würde. Nicht das ift die Hauptsache, daß die Schüler wissen, wie 
heute die Verhältnisse und Einrichtungen des Staates sind, sondern 
wie sie geworden sind.1) Sonst geraten sie in die Gefahr, unsere 
öffentlichen Einrichtungen für „fertig" zu halten; auch follen sie erkennen, 
wie außerordentlich schwer all die Güter, die wir heute als ganz selbst- 
verständlich hinnehmen, errungen sind; wie gut wir es haben. Nicht aus 
das Sein, fondern auf das Werden ist der Hauptnachdruck zu legen. 
„Angewandte Gefchichte" foll bedeuten, daß überall mit Be- 
wußtfein Gegenwart und Vergangenheit in Verbindung gebracht wird; 
daß wir versuchen, die Gegenwart aus der Vergangenheit und die Ver- 
gangenheit aus der Gegenwart zu verstehen. Vor allem aber müssen 
wir den Mut haben, für die wichtigen Fragen unserer Zeit aus der 
Vergangenheit zu lernen, Folgerungen und Forderungen zu ziehen. Ich 
denke an die Verteilung der Welt, an das Verhältnis zwischen Staat 
und Kirche, zwischen Staat und Volk, an Freiheit und Gleichheit, In- 
dividualismus und Sozialismus, Universalismus, an unser Verhältnis 
zu den Nachbarstaaten, an Handels- und Wanderungspolitik, an die 
Erhaltung des Bauernstandes, Polenfrage, an Staatsformen und Volks- 
Vertretungen. 
Das vorliegende Buch will keineswegs in Wettbewerb treten mit 
den zahlreichen vortrefflichen Gefchichts-Lehrbüchern und größeren Werken. 
1) Man begegnet oft der wunderbaren Auffassung, die Schule müsse die 
jungen Leute in alle Einzelheiten unserer Heeres-, Verwaltungs-, Gerichts-, 
Polizei- und Schulorganisation, in das Finanzwesen und die Sozialgesetze 2c. 
einführen. Das würde eine unerträgliche Überbürdung sein, dazu unglaublich 
langweilig. Soll denn für das spätere Leben nichts zum Lernen übrig bleiben? 
Der Geschichtsunterricht muß Begeisterung, Liebe zu Volk und Staat wecken; 
nicht das Wissen ist die Hauptsache, sondern das Können und Wollen: die 
Bereitwilligkeit und Fähigkeit, auf politische Verhältnisse zu 'achten und das 
Wesentliche darin aufzufassen.
	        
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