Full text: Die Neubildung der europäischen Kulturwelt durch Christentum und Germanentum (Hauptteil 2)

Das Oströmische Reich. Der Islam. 
Titel Sultan (Herr) annahm. Dem Kalifen blieb lediglich die Würde 
eines geistlichen Oberhauptes. Im 11. Jahrh. kam das Sultanat an die 
seldschukischen Türken (benannt nach ihrem ersten Führer Seldschuk), 
die anfänglich als Leibwache der Kalifen auftraten, nach und nach jedoch 
die gesamte weltliche Herrschaft im Abbafidenreiche an sich rissen. Doch 
zerfiel das Seldschukenreich rasch wieder in mehrere Teilreiche, die im 
13. Jahrh. fast sämtlich den Mongolen erlagen. Diese machten auch 
dem Kalifat von Bagdad ein Ende (1258). 
Ein weiterer Mittelpunkt islamischen Kulturlebens bildete sich im 
Niltal, wo die Fatimiden, Nachkommen der Fatlma, der Lieblingstochter 
des Propheten, das unabhängige Kalisat von Kairo gründeten, das um 97V 
Ägypten, Syrien und Palästina und später auch Sizilien umfaßte. Syrien 
und Palästina waren nun eine Zeitlang der Zankapfel zwischen den Fati- 
miden und den Seldschuken, was den vorübergehenden Verlust Palästinas an 
die christlichen Kreuzfahrer zur Folge hatte. Der türkische Sultan S a l a d i n um 1170 
stürzte dann die Fatimidenherrschast und vereinigte Ägypten und Syrien 
unter seinem Szepter. Saladins Nachfolger verloren die Herrschaft an 
die Mameluken, ursprünglich ebenfalls Söldner teils türkischer teils tscher- um 1260 
kessischer^) Abstammung; diese traten den Mongolen erfolgreich entgegen 
und retteten somit Ägypten und Vorderasien für den Islam, dessen Haupt- 
Vertreter sie allmählich wurden. 
Die Kultur des Islam. Die Araber und die zum Islam übergetretenen 
Neuperser übernahmen die orientalisch-hellenistisch-römische Kultur und 
brachten sie neuerdings zu hoher Blüte. Die mohammedanischen Fürstenhöfe, 
vor allem Cordova, Kairo, Damaskus, Bagdad und im Osten Buchara (südöstlich 
vom Aralsee), überstrahlten an Reichtum, Pracht und Glanz sowie an künstlerischen 
und wissenschaftlichen Bestrebungen alle Hauptstädte des christlichen Abendlandes2). 
«) Wirtschaftliche Verhältnisse. Durch eine sorgfältige Bewässerung 
erzielten die Araber, wo nur immer Boden und Klima es erlaubten, einen blühenden 
Stand der Landwirtschaft. Sie verbreiteten die Kultur des Maulbeerbaums 
und bauten Reis, Safran, Zuckerrohr, Kaffee, Datteln, Feigen, Südfrüchte, 
Baumwolle usw. Die Industrie der Sarazenen war für das Abendland vor- 
bildlich, besonders die Web-, Stahl- und Lederindustrie sowie das Kunstgewerbe. 
Atlas (glatter Seidenstoff aus Nordafrika), Damast (Linnen aus Damaskus), 
Musselin (Stoff aus Mosul), persische Teppiche, Stahlklingen aus Toledo und 
Damaskus, Lederwaren aus Cordova, Gold- und Silberstickereien aus Granada 
u. a. wurden von den Westeuropäern sehr geschätzt. Der arabische Handel er- 
streckte sich von Bagdad aus östlich bis Indien, Ceylon (Gewürze) und China 
x) Aus den Kaukasusgebieten. 
2) Wie tiefgehend der Einfluß der arabischen Kultur auf die abendländische war, 
beweisen u. a. zahlreiche aus dem Arabischen stammende Lehnwörter, z. B. Admiral, 
Alchemie, Algebra, Alkohol, Arabesken, Arsenal, Atlas, Baldachin (Gewebe aus Baldach, 
wie der Name Bagdad im Abendland lautete), Barchent, Damast, Gala(kleid), Kaffee, 
Kattun, Magazin, Matratze, Musselin, Safran, Tarif, Zenit, Ziffer, Zucker usw.
	        
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