Full text: Die Neubildung der europäischen Kulturwelt durch Christentum und Germanentum (Hauptteil 2)

Heinrich I. 
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trachtete das deutsche (ostfränkische) Königtum durch die Errichtung des 
römisch-deutschen Kaiserreiches die Vorherrschaft im Abendlande zu 
gewinnen und zwar zunächst im Bunde mit der Kirche. Je eifriger indes 
die deutschen Kaiser sich den Weltherrschaftsplänen hingaben, desto mehr 
vernachlässigten sie ihre nationalen Aufgaben in Deutschland, nämlich 
Stärkung der königlichen Gewalt, Sicherung von Recht und Ordnung, 
Ausbreitung des Deutschtums unter den Slaven n. dgl. Deshalb wandten 
sich die breiten Massen des deutschen Volkes immer entschiedener dem 
Stammesfürstentum zu, das wenigstens einen Teil dieser nationalen 
Aufgabe übernahm. Dies führte zu einem Gegensatz zwischen Königtum 
und Stammesfürstentum. Der Gegensatz wurde für Deutschland ver- 
hängnisvoll, weil bald auch ein Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum 
entbrannte, die sich über die Abgrenzung ihres gegenseitigen Machtbe- 
reiches nur schwer einigen konnten. In dem Ringen nach zwei Seiten 
verbrauchte das Kaisertum seine Kraft. Ehe noch der Streit zwischen Kaiser 
und Papst entschieden war, kam es zu einem Zusammenstoß zwischen 
dem christlichen Abendland und dem mohammedanischen Morgenland. 
Dieser endete zwar äußerlich mit einem Mißerfolg, brachte aber eine reiche 
Fülle morgenländischer Kulturkeime ins Abendland und übte auf das 
politische, soziale, wirtschaftliche und geistige Leben desselben einen tief- 
gehenden Einfluß. Die europäischen Staaten außerhalb des deutsch- 
italienischen Kaiserreiches entwickelten während dieses Zeitraumes ihre 
nationale Eigenart weiter. B Y z a n z schützte nach wie vor Südosteuropa 
gegen den Islam und stand in bald freundlicher bald feindlicher Berüh- 
rung mit den Slaven. Der religiös und politisch gespaltene Islam 
erwehrte sich zwar der Angriffe des Abendlandes in den Kreuzzügen, wurde 
jedoch durch den Mongolensturm schwer erschüttert und nahm erst gegen 
Ende des Zeitraumes unter den Osmanen einen neuen Aufschwung. 
I. Die Zeit der sächsischen Könige und Kaiser (919 -1024). 
Heinrich I. (919-936). 
1. Innere Verhältnisse. Auf den Vorschlag des Frankenherzogs 
Eberhard (vgl. S. 59) wählte eine Versammlung der fränkischen und fachst- 
schert Großen zu Fritzlar (in Hessen, südwestlich von Kassel) den bisherigen 
Sachsenherzog Heinrich zum Deutschen König. Der Erkorne nahm die 
Wahl an, lehnte jedoch Salbung und Krönung ab. Heinrich erkannte klar, 
daß er vor allem die Anerkennung vonseiten der übrigen Herzöge er- 
reichen müsse, um den drohenden Zerfall des Reiches zu verhüten. Dabei 
wußte er Tatkraft, Milde und Mäßigung klug zu vereinigen. Durch einen 
Kriegszug zwang der neue König den Herzog Burchard II. von Schwaben 921 
Lorenz, Geschichte für Gymnasien IL 5
	        
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