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b. Das Eingreifen der deutschen Linienschiffe. Sobald das Gros
unserer Linienschiffe in den Kampf eingreift, übernimmt der Flottenchef, Admiral
Scheer, unmittelbar die Leitung des Gefechts. So beginnt denn kurz vor
7 Uhr der zweite Abschnitt der Schlacht. Bei der jetzt augenscheinlichen Über¬
macht auf deutscher Seite drehen die feindlichen schnellen Verbände nach Norden
ab. Unsere Kräfte schwenken gleichfalls auf nördlichen Kurs ein. Sie folgen
den Bewegungen des Gegners, die schnellen Kreuzer an der Spitze, mit höchster
Fahrt und nehmen ihn unter ihr wirkungsvolles Feuer. Doch gelingt es den
Schlachtkreuzern unter Ausnutzung ihrer unserem Gesamtverbande überlegenen
Geschwindigkeit, in nördlicher Richtung den Kampfplatz zu verlassen. Allmählich
verlieren sie sich in der Ferne; sie haben sich — wohl infolge erheblicher
Beschädigungen — nicht weiter am Kampfe beteiligt. Ihren Abzug suchen
die großen Schiffe der „Königin Elisabeth "-Division und die leichten Seestreit¬
kräfte zu decken, die nun versuchen, sich in flachem Bogen bei nordöstlichem
Kurs vor unsere Spitze zu ziehen. Mit den ersteren bleiben unsere Panzer¬
kreuzer, bald von den vordersten Linienschiffen unterstützt, in einem an Heftig¬
keit allmählich zunehmenden Feuerkampf. Dabei fällt einer der feindlichen
Riesen aus. Er muß sich mit geringer Fahrt und stark überliegend aus der
Linie entfernen. Um den starken gefährdeten übriggebliebenen Schwesterschiffen
Entlastung zu schaffen und zugleich zu verhindern, daß diese von der aus nord¬
östlicher Richtung erwarteten Hilfe abgedrängt werden, wirft die englisches Flotten-
leitung die Kleinen Kreuzer und die Zerstörer gegen die Verfolger." Unsere
Panzerkreuzer weichen den auf sie gefeuerten Torpedos glücklich aus, und
zugleich stoßen unsere Kleinen Kreuzer mit den bei ihnen stehenden Flottillen
zum Gegenangriff vor und parieren bald den feindlichen Angriff.
Während dieser Kampf noch im Gange ist, erhalten unsere leichten Streit¬
kräfte überraschend Feuer aus schwerem Geschütz aus nordöstlicher Richtung.
Aus der den nördlichen und nordöstlichen Horizont überlagernden schmutzigen
Dunstschicht treten schattenhaft einzelne Schiffsrümpfe feindlicher Schlachtschiffe
hervor, die sie mit einem an Heftigkeit zunehmenden Feuer überschütten. Da
der ursprüngliche Zweck ihres Vorstoßes erreicht ist, kehren unsere Kleinen
Kreuzer zu der stärkeren Einheit zurück. Dabei erhalten sie schwere Treffer.
Der Kleine Kreuzer „Wiesbaden" erhält einen Schuß in die Maschine und
wird manövrierunfähig. Das tapfere Schiff treibt, zwar unrettbar, aber un¬
besiegt, und sinkt, nachdem alle Versuche, es zu retten, vergeblich sind, während
des folgenden Gefechtsabschnitts mit wehender Fahne. Indessen sind unsere
Torpedoboote zur Deckung der bedrängten Kleinen Kreuzer unverzüglich zum
Angriff auf den neuen Gegner übergegangen und vernichten zwei feindliche
Zerstörer. Beim Näherkommen erkennen sie eine lange Linie von mindestens
25 der mächtigsten Schlachtschiffe. Die englische Hauptmacht unter Admiral
Jellicoe ist, aus norwegischen Gewässern kommend, auf dem Kampfplatze
erschienen. Damit ist dieser zweite Gefechtsabschnitt, der mehr Übergangs¬
charakter trägt, beendet, und es beginnt — es ist etwa 8 Uhr geworden —
der dritte Abschnitt: der Kampf mit der vollständig versammelten englischen
Hauptstreitmacht.
c. Der Kampf mit der englischen Hauptstreitmacht. Vor eine schicksals¬
schwere Frage ist unsere Flottenleitung gestellt. Die weltgeschichtliche Ent-