— 41 —
2. Der Zerfall des Karolingischen Meiches.
a) Ludwig der Fromme 814—840.
Nach Karls Tode trat bald eine Zeit heilloser Verwirrung ein; denn
es fehlte die kräftige Hand, die ein so großes Reich, das verschiedenartige
Nationalitäten germanischer und romanischer Abkunft in sich schloß, hätte
zusammenhalten und regieren mögen. Karls Nachfolger, sein Sohn Ludwig
der Fromme, besaß nur für kirchliche Angelegenheiten Teilnahme und
Verständnis und geriet daher bald ganz unter den Einfluß der Geistlichkeit.
Ihren Wünschen entsprechend trug er schon früh für die Zukunft des
Reiches Sorge und erließ 817 eine Erbfolgeordnung, welche die Ein-
heit des Reiches im Interesse der Kirche wahren sollte. Die Nachfolge in
der Herrschaft mit dem Kaisertitel erhielt sein ältester Sohn Lothar, die
beiden jüngeren Söhne Pippin und Ludwig (der Deutsche) mit dem
Königstitel die Verwaltung von Aquitanien und Bayern. Lothar sollte
als der älteste eine Art Oberherrschaft über die beiden andern Söhne aus-
üben: er wurde deshalb sogleich zum Mitkaiser ernannt und auch einige
Jahre später vom Papste zum Kaiser gekrönt. Aber nach der Geburt eines
vierten Sohnes Karl aus einer zweiten Ehe mit der Welfin Judith suchte
der Kaiser auch diesem einen Teil des Reiches zuzuwenden. Dagegen er-
hoben sich die drei älteren Söhne, und nun entstand zwischen dem Vater
und den Söhnen eine Reihe vernichtender Kämpfe, in denen drei Strö-
mungen miteinander rangen: die herrschsüchtige Geistlichkeit mit dem Papste
an der Spitze, die an der Reichseinheit festhalten wollte und Lothar als
ihr Werkzeug gebrauchte, Judith, die für ihren Sohn Karl (den Kahlen)
eine Bevorzugung durchsetzen, Pippin und Ludwig, die für sich soviel wie
möglich gewinnen wollten. Die tiefste Demütigung erlitt der Kaiser auf
dem Lügenfelde bei Kolmar (833), wo er vor Beginn des entscheidenden
Kampfes von den Seinen verlassen wurde und.sich nun seinen Söhnen
gefangen geben mußte. Lothar zwang ihn, öffentlich Kirchenbuße zu thuu
und dem Throne zu entsagen. Nun aber nahmen sich Ludwig und Pippin
des Vaters an und befreiten ihn aus Lothars Gewalt und setzten ihn wieder
ins Kaisertum ein. Als aber der übelberatene Vater nach dem Tode
Pippins (938) zu Gunsten Lothars und Karls eine neue Teilung der
Länder vornahm, ergriff der gekränkte Ludwig die Waffen. Während der
hierüber ausgebrochenen Wirren starb Ludwig der Fromme, von Kummer
gebeugt, nachdem er Ludwig verziehen und befohlen hatte, Krone und Scepter
Lothar zu überbringen.