Volltext: Deutsche Geschichte von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des Mittelalters (Teil 1)

§.77. Die Einwohner. Nigritier, Bantuneger. — Südafrika. 377 
Auf die socialen Zustande fämmtlicher Negerstaaten wirst einen dunklen 
Schatten der Sklavenhandel. Obwohl die Sklaverei eine uralte Einrichtung 
in diesen Ländern ist, so hat doch erst die Nachfrage in den Küstengebieten und 
außerhalb Afrikas den Sklavenhandel in solchen Schwung gebracht, daß des- 
halb unaufhörliche Kriege geführt und fest angesiedelte Stämme von ihren 
Wohnsitzen verjagt wurden, daß überall Unsicherheit der Person und des Eigen- 
thums, sittliche Verwilderung in der Familie und im Staatsleben überhand 
nahm. An dieser entsetzlichen Demoralisation, welche besonders die Küsten- 
stämme ergriffen hat, sind natürlich vor allen Dingen die Europäer Schuld, 
welche im Lauf der letzten Jahrhunderte Millionen von Afrikanern in die Plan- 
tagen Amerikas hinüberführten. Wenn wirklich, wie man annimmt, mindestens 
12 Millionen Neger in den letzten 150 Jahren als Sklaven dem schwarzen 
Erdtheil entzogen wurden, so ist dieser Verlust an Menschen für denselben das 
geringste Uebel. Größer sind die Verheerungen, welche die Sklavenjagden im 
Innern hervorbrachten, um schließlich doch nur einen geringen Theil der erbeu- 
teten Waare lebend an die Küste zu bringen. Im Westen ist dies nun freilich 
im Laufe dieses Jahrhunderts anders geworden. Mehr als die Küstenbewachung 
durch englische Kriegsschiffe, welche sich als unzureichend erwies und oft nur 
die Leiden des Transportes für die Sklaven erhöhte, hat zur Unterdrückung 
des Sklavenhandels auf dieser Seite des Continents die Aufhebung der Skla- 
verei in den amerikanischen Staaten beigetragen. Im Gebiet des Nigir- 
delta hat ihn der gewinnbringende Palmölhandel fast ganz verdrängt, und 
man könnte dieses Alles als einen Anfang zum Bessern ansehen, wenn nicht 
die mohammedanischen Reiche im Osten und Nordosten dem Menschenhandel 
durch die erhöhte Nachfrage neue Nahrung und nur eine andere Richtung 
wie früher gegeben hätten. Hierin zeigt sich der wesentliche Unterschied zwischen 
mohammedanischer und christlicher Cultur. Die erstere wird nie willig die Hand 
reichen zur Ausrottung der Sklaverei, die wir uns in ihrer Ausübung im 
Orient übrigens weit milder zu denken haben als in Amerika. Aber welche 
Opfer kostet die Herbeischaffung des Sklavenmaterials! In den mohamme- 
danischen Grenzländern am Südrande der Sahara, im Gebiete des obern Nil, 
sowie herab bis zum Sambesi werden noch immer förmliche Sklavenjagden 
angestellt und Sklavenhändler durchziehen das Innere, um den Negern die Ge- 
fangenen abzukaufen. Wenn unter jenen mohammedanische Araber auch die 
Hauptrolle spielen, so sind doch die Portugiesen von den Eingeborenen ebenso 
gefürchtet. Sansibar war bis vor kurzem der wichtigste Exportplatz für Sklaven 
nach Arabien und Aegypten. Die Engländer erzwangen die Schließung dieses 
Marktes und der Vieekönig von Aegypten suchte den Handel im obern Gebiet 
des Nil gewaltsam zu unterdrücken. Aber diese Maßregeln hatten nur die 
Folge, daß sich die Karawanen andere Wege suchten und noch heute sind Sklaven 
bei weitem der wichtigste Handelsartikel in ganz Mittelafrika. Dies wird nicht 
anders werden, so lange die socialen Zustände der mohammedanischen Welt 
die Sklavenzufuhr erheischen oder bis die Neger selbst für einen gewinnbrin- 
genden Handel gewonnen werden. Das letztere wird nur durch eine größere 
Erschließung des an Producten so überreichen Innern von Afrika von Seiten 
der Europäer möglich sein. Und in der That regen sich in Europa die ver- 
schiedensten Kreise, welche diesem Ziele als einer wahren Culturmission unserer 
Zeit mit Macht entgegenstreben, an der Spitze die großen englischen Missions- 
gesellschaften, welche den kühnen Erforschern dieser Gebiete auf dem Fuße folgen, 
um von dauernden Niederlassungen aus segensreich auf die durch die Sklaven- 
jagden so verwilderten Stämme zu wirken. 
4. Im südw estlich en Afrika tritt uns eine neue Menschengruppe 
entgegen, die Koi-Koin (d. h. Menschen), wie sie sich selbst nennen. 
Sie unterscheiden sich von den Negern vor allem durch ihre gelblich- 
braune Hautfarbe (f. S. 138) und zerfallen wieder in die Hottentotten
	        
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