Full text: Deutsche Geschichte vom Ausgange des Mittelalters

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war im Mittelalter das Grundeigentum, und der mittelalter¬ 
lichen Kirche gelang es, mindestens ein Drittel alles Grund¬ 
besitzes in ihre Hände zu bringen. Diese Macht wußte sie 
wieder ausgiebiger auszunutzen, als der König und der Adel 
vermochten. Ihre Güter waren die am besten angebauten, 
die am dichtesten bevölkerten, ihre Städte die blühendsten, das 
Einkommen und die Macht, die sie daraus zog, also größer, 
als ein gleich großer Besitz dem Adel oder dem Königtum ver¬ 
lieh. Sie brauchte nicht gleich diesen den größten Teil ihrer 
Einkünfte für Kriegszwecke auszugeben; wenn die Aebte und 
Bischöfe im Mittelalter auch oft genug Fehden auszufechten 
hatten, so waren sie doch nicht so auf den Krieg angewiesen 
wie die weltlichen Machthaber. Sie brauchten deshalb auch 
die Ausbeutung ihrer Hörigen und Leibeigenen nicht so hoch 
zu schrauben; unter dem Krummstab, dem Amtszeichen der 
Bischöfe, ist gut wohnen, so hieß es sprichwörtlich im Mittel¬ 
alter. 
Dann aber konnte die Kirche auch bis zu einem gewissen 
Grade die Ueberlieferungen pflegen, durch die sie in ihren 
Anfängen groß geworden war. Da der größte Teil ihrer Ein¬ 
künfte aus Naturalien bestand, so waren ihre Vorratshäuser 
immer gut gefüllt, wie gut es sich auch die Geistlichen schmecken 
ließen. Trat irgendwo Kriegsnot oder Mißwachs ein, so 
konnte die Kirche aus ihrem aufgespeicherten Ueberslusse den 
Bedürftigen spenden, und sie tat es gern, in der richtigen Er¬ 
kenntnis, welche Macht ihr die Armenpflege über die Massen 
der Bevölkerung gab. 
Demgemäß gab es keine Klasse der mittelalterlichen Ge¬ 
sellschaftsorganisation, die nicht an der Erhaltung der Kirche 
interessiert gewesen wäre. Freilich nicht alle in gleichem Maße, 
namentlich mit dem Königtum und dem Adel hatte die Kirche 
manchen harten Strauß auszufechten. Jedoch wenn diese 
die Macht der Kirche einzuschränken suchten, so konnten sie doch 
nicht daran denken und dachten auch nicht daran, die Existenz 
der Kirche als solche anzufechten; das hätte einen Angriff auf 
die mittelalterliche Gesellschaft selbst bedeutet. Das ganze 
materielle und damit auch das ganze geistige Leben des Mittel¬ 
alters wurde von der Kirche beherrscht; sie verwuchs mit dem 
ganzen Volksleben, bis im Laufe der Jahrhunderte die kirch¬ 
liche Denkart eine Art Instinkt wurde, dem man blindlings 
folgte, wie einem Naturgesetze, bis alle Aeußerungen des ge¬ 
sellschaftlichen, staatlichen und auch des Familienlebens in 
kirchliche Formen gekleidet waren.
	        
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