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Diejenigen germanischen Stämme, die im Gegensatze zur
römischen Kirche ihre Staaten auf den Trümmern des römi¬
schen Weltreichs zu begründen versuchten, gmgen unter, wie
die Ostaoten und die Vandalen. Demjenigen Stamm aber,
der von Anfang an sein Reich im Bunde mit der römischen
Kirche begründete, den Franken, fiel die Vorherrschaft nn
Abendlande zu, obgleich er sich keineswegs durch christliche
Tugenden auszeichnete, sondern der übelberufenste unter den
germanischen Stämmen war. Namentlich auch der König
Chlodwig, der im Jahre 496 zur römischen Kirche übertrat,
gehörte zu den grausamsten Wüterichen, von denen die Ge¬
schichte zu erzählen weiß. Der König der Franken begründete
im Bündnis mit dem Haupt der römischen Kirche die Vereini¬
gung der abendländischen Christenheit zu einem Gesamtkörper
mit zwei Köpfen, einem weltlichen und einem geistlichen, eine
Vereinigung gegen die von allen Seiten andringenden Feinde,
die eine unbedingte Notwendigkeit war, aber bald zu den
heftigsten Kämpfen zwischen Kaiser- unb Papsttum führte;
Kämpfe, bie bas ganze Mittelalter burchtoben. Auf bie
Dauer enbeten sie immer mit bem Siege bes Papsttums, mag
auch bie Demütigung bes Kaisers Heinrich IV. vor bem Papst
Gregor VII. im Schloßhofe von Canossa (1077), bie für bie
Ueberlegenheit bes Papsttums sprichwörtlich geworben ist, viel¬
mehr ein augenblicklicher Erfolg bes Kaisers gewesen sein.
Durch bie kirchliche, ihm nach mittelalterlicher Anschauung
burchaus nicht zur Unehre gereichenbe Buße vor bem Ober¬
haupt ber Christenheit vereitelte Heinrich IV. bie weltlichen
Herrschaftspläne bes Papstes, ber sich mit ben beutschen Fürsten
zur Niederwerfung der kaiserlichen Macht verbündet hatte.
Ein Hauptgrund der Ueberlegenheit, die bas Papsttum
über bas Kaisertum bewies, war bie größere Kraft, bie bas
Papsttum im Kampfe gegen bie auswärtigen Feinbe zu ent¬
wickeln wußte. Es würbe baburch ben christlichen Völkern
viel unentbehrlicher als bas Kaisertum. Der Zusammenbruch
bes römischen Reiches hatte nicht nur bie Germanen in Be¬
wegung gesetzt, sonbern auch alle bie zahlreichen Stamme halb
ober gar nicht seßhafter Barbaren, bie bem römischen Reich
unb ben Germanen benachbart waren. Die Slawen brangen
über bie Elbe vor, bie Steppen Sübrußlanbs entsandten ein
milbes Reitervolk nach bem anberen, Hunnen, Aoaren, Un¬
garn, bie ihre Eroberungszüge bis über ben Rhein unb über
die Alpen bis nach Norditalien ausdehnten. Aus Skandi¬
navien kam das kühne Seeräubervolk der Normannen, die