Full text: Deutsche Geschichte vom Ausgange des Mittelalters

— 19 
Diejenigen germanischen Stämme, die im Gegensatze zur 
römischen Kirche ihre Staaten auf den Trümmern des römi¬ 
schen Weltreichs zu begründen versuchten, gmgen unter, wie 
die Ostaoten und die Vandalen. Demjenigen Stamm aber, 
der von Anfang an sein Reich im Bunde mit der römischen 
Kirche begründete, den Franken, fiel die Vorherrschaft nn 
Abendlande zu, obgleich er sich keineswegs durch christliche 
Tugenden auszeichnete, sondern der übelberufenste unter den 
germanischen Stämmen war. Namentlich auch der König 
Chlodwig, der im Jahre 496 zur römischen Kirche übertrat, 
gehörte zu den grausamsten Wüterichen, von denen die Ge¬ 
schichte zu erzählen weiß. Der König der Franken begründete 
im Bündnis mit dem Haupt der römischen Kirche die Vereini¬ 
gung der abendländischen Christenheit zu einem Gesamtkörper 
mit zwei Köpfen, einem weltlichen und einem geistlichen, eine 
Vereinigung gegen die von allen Seiten andringenden Feinde, 
die eine unbedingte Notwendigkeit war, aber bald zu den 
heftigsten Kämpfen zwischen Kaiser- unb Papsttum führte; 
Kämpfe, bie bas ganze Mittelalter burchtoben. Auf bie 
Dauer enbeten sie immer mit bem Siege bes Papsttums, mag 
auch bie Demütigung bes Kaisers Heinrich IV. vor bem Papst 
Gregor VII. im Schloßhofe von Canossa (1077), bie für bie 
Ueberlegenheit bes Papsttums sprichwörtlich geworben ist, viel¬ 
mehr ein augenblicklicher Erfolg bes Kaisers gewesen sein. 
Durch bie kirchliche, ihm nach mittelalterlicher Anschauung 
burchaus nicht zur Unehre gereichenbe Buße vor bem Ober¬ 
haupt ber Christenheit vereitelte Heinrich IV. bie weltlichen 
Herrschaftspläne bes Papstes, ber sich mit ben beutschen Fürsten 
zur Niederwerfung der kaiserlichen Macht verbündet hatte. 
Ein Hauptgrund der Ueberlegenheit, die bas Papsttum 
über bas Kaisertum bewies, war bie größere Kraft, bie bas 
Papsttum im Kampfe gegen bie auswärtigen Feinbe zu ent¬ 
wickeln wußte. Es würbe baburch ben christlichen Völkern 
viel unentbehrlicher als bas Kaisertum. Der Zusammenbruch 
bes römischen Reiches hatte nicht nur bie Germanen in Be¬ 
wegung gesetzt, sonbern auch alle bie zahlreichen Stamme halb 
ober gar nicht seßhafter Barbaren, bie bem römischen Reich 
unb ben Germanen benachbart waren. Die Slawen brangen 
über bie Elbe vor, bie Steppen Sübrußlanbs entsandten ein 
milbes Reitervolk nach bem anberen, Hunnen, Aoaren, Un¬ 
garn, bie ihre Eroberungszüge bis über ben Rhein unb über 
die Alpen bis nach Norditalien ausdehnten. Aus Skandi¬ 
navien kam das kühne Seeräubervolk der Normannen, die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.