Volltext: Von der Reformation bis zur Französischen Revolution (Bd. 4)

Moritz von Sachsen 1552. 57 
Kaiser vor dem kühnen und ränkevollen Manne; aber Karl 
antwortete: „Er hat mir solche Zusicherungen gemacht, daß 
ich mir nur Gutes von ihm verspreche, wenn es noch Glauben 
in menschlichen Dingen gibt." Um den Kaiser ganz sicher zu 
machen, schrieb ihm Moritz, er werde zu ihm nach Innsbruck 
kommen, und er trat auch wirklich mit einigen seiner Räthe 
die Reise nach Innsbruck au, wo er sich sogar eine Wohnung 
hatte miethen lassen, kehrte aber nach einigen Tagen unter 
dem Vorwand einer Krankheit wieder um, während er seine 
Begleiter vorausschickte, umdemKaiser den Unfall zu berichten. 
Endlich, als Moritz hinlänglich gerüstet war, schlug er los, 
am 20. März 1552. Er rückte mit seinen Verbündeten dem 
Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Kulmbach und dem 
hessischen Prinzen Wilhelm, Sohn des Landgrafen, in Franken 
ein und erließ zur Rechtfertigung feines Unternehmens ein 
Manifest durch das Reich, in welchem er dem Kaiser vorwarf, 
daß er gegen die Verträge den Landgrafen Philipp gefangen 
halte, daß er die Religionsfreiheit unterdrückt und die Fürsten 
in ihren Rechten gekränkt, daß er gegen die Capitnlation, die 
er bei seiner Wahl beschworen, fremde Kriegsvölker nach 
Deutschland geführt habe. Er eilte mit solcher Schnelligkeit 
durch Süddeutschland gegen Innsbruck, daß der Kaiser, un¬ 
gerüstet wie er war, und am Podagra danieder liegend, ge¬ 
fangen genommen worden wäre, wenn nicht in der Näh/von 
Innsbruck eine Meuterei der Truppen Moritz eine Zeitlang 
aufgehalten hätte. So gewann der Kaiser noch Zeit zu ent¬ 
fliehen. Er ließ sich in einer regnerischen Nacht unter Fackel¬ 
schein auf den schlechtesten Wegen in einer Sänfte über die 
Gebirge nach Villach in Kärnthen tragen. Den gefangenen 
Kurfürsten Johann Friedrich, den er stets in seiner Nähe ge¬ 
halten, setzte er in Freiheit. 
Moritz verfolgte den Kaiser nicht weiter, sondern begab 
stch nach Pasfan, wo eine Fürstenversammlung abgehalten 
werden sollte. Der Kaiser grämte und schämte sich, daß er 
von dem Manne, dem er so viele Wohlthaten erwiesen, dem 
er so fest vertraut, den er selbst in den schlauen Künsten der 
Politik unterrichtet hatte, sich so sehr hatte täuschen lassen
	        
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