Full text: Der Feldzug in Rußland 1812 und die Erhebung des preußischen Volkes (H. 71)

30 28. fln Mein Volk 
mit Euch für des Vaterlandes Sache zu geben. — Zählt also doppelt 
Lure heilige Pflicht! Seid Alte ihrer eingedenk am Tage der Schlacht 
wie bei der Entbehrung, Mühseligkeit und innerer Sucht! Des (Einzel¬ 
nen Ehrgeiz — er sei der höchste oder der Geringste im Heere — ver¬ 
schwinde in dem Ganzen: wer für das Vaterland fühlt, denkt nicht 
an sich. Den Selbstsüchtigen treffe Verachtung, wo nur dem allgemeinen 
wot)l es gilt. Diesem weiche jetzt Alles. Der Sieg geht aus von Gott > 
Zeigt (Euch seines hohen Schutzes würdig durch Gehorsam und Pflicht¬ 
erfüllung ! TtTut, Ausdauer, Treue und strenge Ordnung sei (Euer Ruhm 
Folgt dem Beispiel (Eurer vorfahren; seid ihrer würdig und (Eurer 
Nachkommen eingedenk! Gewisser Lohn wird treffen den, der sich aus¬ 
zeichnet; tiefe Schande und strenge Strafe den, der feiner Pflicht vergißt! 
(Euer König bleibt stets mit (Euch; mit 3hm der Kronprinz und die Prin¬ 
zen seines Hauses. Sie werden mit (Euch kämpfen — Sie und das Volk 
werden kämpfen mit (Euch, und an Unserer Seite ein zu Unserer und 
zu Deutschlands hülfe gekommenes, tapferes Volk, das durch feine hohen 
Daten seine Unabhängigkeit errang. (Es vertraute seinem Herrscher 
seinen Führern, seiner Sache, seiner Kraft — und Gott war mit ihm! 
So auch 3hr! Denn auch U)ir kämpfen den großen Kampf um des 
Vaterlandes Unabhängigkeit, vertrauen auf Gott, Mut und Ausdauer 
sei unsere Losung! 
Breslau, den 17. INärz 1813. Friedrich Wilhelm. 
28. Rn mein Volk. 
An mein Volk. 
So wenig für Klein treues Volk als für Deutsche bedarf es einer 
Rechenschaft, über die Ursachen des Kriegs, welcher jetzt beginnt. Klar 
hegen sie dem unverblendeten (Europa vor Augen, wir erlagen unter 
der Übermacht Frankreichs. Der Frieden, der die Hälfte Kleiner Un¬ 
tertanen Klir entriß, gab uns seine Segnungen nicht; denn er schlug 
uns tiefere Wunden, als selbst der Krieg. Das mark des Landes ward 
ausgesogen, die Hauptfestungen blieben vom Feinde besetzt; der Acker¬ 
bau ward gelähmt sowie der sonst so hochgebrachte Kunstfleiß unserer 
Städte. Die Freiheit des Handels ward gehemmt und dadurch die (Quelle 
öes (Erwerbs und des Wohlstandes verstopft. Das Land ward ein Raub 
der Verarmung. Durch die strengste (Erfüllung eingegangener Verbind¬ 
lichkeiten hoffte 3ch meinem Volk (Erleichterung zu bereiten und den 
französischen Kaiser endlich zu überzeugen, daß es sein eigener Vorteil 
sei, Preußen seine Unabhängigkeit zu lassen. Aber meine reinsten Ab¬ 
sichten wurden durch Übermut und Treulosigkeit vereitelt, und nur 
zu deutlich sahen wir, daß des Kaisers Verträge mehr noch wie seine 
Kriege uns langsam verderben mußten. Jetzt ist der Augenblick gekom¬ 
men, wo jede Täuschung über unsern Zustand aufhört. Brandenburg 
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