32 Bilder aus der deutschen Geschichte.
5. Me Mlkerwanderung. 375—568.
Tie Hunnen. Den Anstoß zu der gewaltigen Bewegung, die fast sämtliche
Völker Europas aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen verdrängte, gaben die Hunnen,
ein wildes Nomadenvolk, das 375 n. Chr. aus den Steppen Asiens nach "Europa
vordrang.
Sie waren von gebnmgenent, starkem Gliederbau, hatten hervorstehende Backenknochen schiefstehende
Angen. eine gelbe Gesichtsfarbe und schwarzes, struppiges Haar. Ihre Kleider bestanden aus grobem lei¬
nenem Zeug ober aus Fellen von kleinem Gewilb. Sie lebten von Wurzeln, Kräutern und dem Fleisch
aller möglichen Tiere, das sie unter ihrem Sattel mürbe ritten. Zum Fußkamvse waren sie untüchtig da¬
gegen schienen sie mit ihren häßlichen aber ausdauernden Pferden wie verwachsen. Aus der Ferne warfen
sie ihre Wurfspeere und Pfeile mit Knochenspitzen, im Handgemenge gebrauchten sie das Schwert.
Nachdem sie die Alanen (zwischen Don und Wolga) besiegt und zur Unter¬
werfung gezwungen hatten, bewältigten sie die Ostgoten. Deren greiser König Herman-
rich mochte den Untergang seines Reiches nicht überleben und stürzte sich ln sein
Schwert. Im Verein mit den unterjochten Völkern worfelt sich die Hunnen sodann
auf die Westgoten. Diesen, als Christen, hatte Kaiser Valens erlaubt, sich im Lande
südlich der Donau (dem heutigen Bulgarien, Rumelien :c.) niederzulassen. Als sie
hier unter der Habgier und Härte der kaiserlichen Beamten zu leiden hatten, griffen
sie zum Schwerte. Sie schlugen die römischen Legionen und plünderten die ganze
Balkanhalbinsel. Nun zog der Kaiser selber gegen sie, wurde aber bei Adrianopel
geschlagen und verbrannte elend in einer Bauernhütte (378). Unter dem Kaiser Theo-
dosins wurden die Westgoten gut behandelt und verhielten sich deshalb ruhig.
Alarich. Nach Theodosius' Tode erhoben sich die Westgoten unter ihrem tapferen
König Alarich, durchzogen plündernd die Balkanhalbinfel und fielen in Italien ein.
Schon näherten sie sich der Stadt Rom. Eilig schickte man Gesandte an Alarich, uni
ihn zur Umkehr zu bewegen. Nur gegen Zahlung einer ungeheuren Summe ließ er
sich endlich bestimmen, die Stadt zu verschonen (409). Aber schon im folgenden Jahre
kehrte er wieder, eroberte die Stadt und plünderte sie aus. 40000 deutsche Sklaven
erhielten dabei ihre Freiheit. Mit Beute beladen zog er nach Süditalien, um nach
Sizilien unb von da nach Afrika überzusetzen. Da ereilte ihn ber Tob im 34.
Lebensjahre.
Die Goten waren untröstlich über den Verlust ihres verehrten Führers. Der Sage nach leiteten
sie ben Flntz Buseuto ab, gruben in dessen Bett ein Grab und versenkten dahinein den Leichnam in voller
Rüstung unb zu Pferbe fitzenb. Dann beckten sie bas Grab mit Erbe zu unb leiteten bas Wasser in sein altes
Bett. Tie Sklaven, bie bäbei geholfen hatten, wurden getötet, damit niemand wisse, wo ihr großer König
seine Ruhestätte gesunden habe.
Alarichs Schwager unb Nachfolger Athaulf (Aböls) gab beu Zug nach Afrika
auf. Er führte bas Volk infolge eines Vertrags mit Kaiser Honorins nach Süb-
gaUien. Hier grünbete er bas Westgotenreich mit ber Hauptstabt Tolofa (Toulouse).
Unter feinen Nachfolgern behüten bie Goten ihre Herrschaft auch über Spanien aus,
inbent sie bie bort eingeivnnberten Suepen unb Alanen sich unterwarfen. Hauptstabt
würbe Tolebo ant Tajo. Dieses Reich bestaub brei Jahrhunberte. 711 würbe es in
ber Schlacht bei Xeres eine Beute ber aus Afrika eingebrungeiien Araber.
Attila. Das Hunnenreich. Inzwischen waren bie Hunnen, bie ben Anstoß
zu ber ganzen Bewegung gegeben hatten, in ben Ebenen Sübrußlanbs unb Ungarns,
wo sie ausreichend Weiben für ihre Herben gefunben hatten, Porläufig zur Ruhe ge¬
kommen. Attila, ein gewaltiger Kriegshelb, ber sich am liebsten Gottes Geißel
nennen hörte, vereinigte 444 sämtliche hunnische Stämme unter seinem Zepter. In
einem großen Dorfe bei Tokay an der Theiß hielt er ein glänzendes Hoflager.
Seine Beamten unb Heerführer wohnten in prächtigen Gemächern, aßen aus silbernen
Schüsseln unb schmückten sich mit Prachtgewändern. Attila selber dagegen lebte höchst
einfach. Er aß und trank aus hölzernen Schalen und kleidete sich in Tierfelle wie die
Mehrzahl seines Volkes. Er faßte den Plan, alle Völker seinem Machtgebot zu
unterwerfen und fein Reich bis an den Ozean auszudehnen. Mit einer halben
Million Streiter brach er auf unb zog bonauaufwärts. Er fetzte über ben Rhein,
zerstörte Worms, bie Hauptstabt ber Bnrgnnben, unb kam bis an bie Loire. Furcht
unb Schrecken zogen vor ihm her, Blut, Leichen, verheerte Felber unb verbrannte Stäbte
bezeichneten seinen Weg.