im 16. und 17. Jahrhundert. 143
junges Kindlein ohne der Eltern Verwahrung sich nicht vor einer Otter
hüten kann, also kann der gemeine Mann schwerlich ohne seines Lehrers
und Predigers treue Erinnerung urteilen allerlei Sekten und Korruptelen,
welche also schön geschmückt sind, daß auch die Auserwählten, wo es mög¬
lich wäre, könnten dadurch verführt werden."
Den Fürsten ward das Treiben der Geistlichen endlich zu arg, uud
wiederholt, wenn auch mit wenig Erfolg, erließen sie strenge Mandate
gegen das Eifern und Streiten, namentlich auf den Kanzeln. Kurfürst
August von Sachsen verbot in einem Mandat vom Jahre 1566 das Lästern
und Verdammen auf der Kanzel aufs strengste; aber sein Sohn Christian I.
mußte dasselbe 1588 in einem Ausschreiben wieder in Erinnerung bringen.
In diesem Ausschreiben wird das Gezänk und Ärgernis auf den Kanzeln
mehr auf die persönlichen Leidenschaften der Geistlichen zurückgeführt, als
auf den Eifer um Gottes Ehre. Man greife seine persönlichen Widersacher
mit lästerlichen und schmählichen Worten an, schließe sie aus der christlichen
Gemeinschaft aus und verdamme sie; dadurch würde der Widerpart zu
gleichen Maßregeln gereizt, und des ärgerlichen Gezänkes und Gebeißes sei
kein Ende. Die Spaltungen, die dadurch erregt, die Hemmungen, die der
Ausbreitung der Reformation dadurch bereitet, der Schaden und Nachteil,
den die evangelische Kirche davon hätte, das alles liege ja klar am Tage.
Das Predigtwesen war zur Zeit, da Luther auftrat, in zu traurigem
Verfall, als daß da ein rascher Wandel möglich gewesen wäre. Es lag
fast ausschließlich in den Händen der unwissenden Bettelmönche, die aus
Kanzeln, Märkten und öffentlichen Plätzen predigten. Und nicht etwa die
Texte der heiligen Schrift legten sie ihren Predigten zu Grunde, sondern
man beschäftigte sich mit den Subtilitäten der Scholastiker, mit der Ethik
des Aristoteles, mit Heiligenlegenden, mit der Widerlegung und Verdam¬
mung der Ketzer. „Handelten auch nicht einen einigen Spruch in der
Schrift, ja die Heilige Schrift war gar zugedeckt, unbekannt und begraben,"
hören wir Luther klagen. Ein damaliger Prediger bewies dem Volke das
Tanzen als Teufelskunst mit folgendem Schluß: „Der Teufel sagt (Hiob 1,7):
Ich habe das Land umher durchzogen, d. i. ich bin rund herumgegangen.
Das Tanzen geschieht rund herum, der Teufel aber gehet rund herum,
folglich ist das Tanzen vom Teufel".
Abgeschmackt und lästerlich waren die Fragen, die man in den Pre¬
digten auszuwerfen liebte, z. B. ob Gott auch Sünde thun könnte, wenn er
wollte? ob er dasjenige wissen könne, was er doch nicht weiß? ob es ihm
möglich sei, die menschliche Natur weiblichen Geschlechts anzunehmen? u. ä.
In der Osterpredigt hatte der Prediger nach alter Gewohnheit das soge¬
nannte Ostergelächter anzubringen; da waren die Prediger am gesuchtesten,
die nach der sauren Fastenzeit am Osterfest das Volk am besten lachen zu
machen wußten durch Erzählungen wie die folgende: „Als Christus an die
Vorburg der Hölle kam, hatten zwei Teufel ihre langen Nafen als Riegel
hinter die Pforte gesteckt; als er aber mit dem Kreuz anstieß und Thür