Die ältesten deutschen Zeitungen. 277
denn zum Frühlinge die Kälber kommen. Dieser Ort ist sonderlich zu
Euren wohl auserkohren, als an welchem der Patient nicht leichtlich in
Diaet pecciren kann; denn keinen Wald erblickt man hierinne, daß etwa
Wildpret zu bekommen wäre, und ohne dem von dergleichen Waare keine
Zufuhre in die Dörffer ist, oder doch zum wenigsten da keine gesehen wird;
kein Wasser sieht man groß, daß ihm also die Fische den Magen auch nicht
verschleimen können; Wein und andre delicate Bißchen werden ihm auch
nicht schaden, denn das ist so ferne von dem Orte, bis ihn die Höllischen
Weinhändler, Tractenrs, Confitnriers was zeigen. Will er den Bauern
die Hühner theuer genug bezahlen und schlecht zugericht, so steht es ihme
frey. Wertn die Landsberger Becker nicht Brot rausschafften, müßten die
Patienten bei der Waffer-Cur zugleich auch eine Hunger-Cur anstellen;
denn die Bauern backen Brodt für sich, und würde auch nicht zureichen."
54. Die ältesten deutschen Zeitungen.
<Nach: Alb. Richter, Deutsche Zeitungen. Prakt. Schulmann. Bd. 23. 455 — 470.)
pie Anfänge des deutschen Zeitungswesens reichen bis zu den An¬
fängen der Buchdruckerkunst zurück. Sehr bald machte man die neue Erfin¬
dung der Verbreitung von Neuigkeiten dienstbar; doch fehlte es noch an
periodisch erscheinenden Blättern. Die Nachrichten erschienen in sogenannten
„fliegenden Blättern", wenn eben etwas Neues und Merkwürdiges geschehen
war. Sie waren oft in Briefform, oft auch in Verfen abgefaßt und nicht
fetten mit einem Holzschnitte geziert.
Solange die Buchdruckerkunst der Verbreitung von Neuigkeiten noch
nicht dienen konnte, solange man sich ihrer noch nicht bedienen konnte, um
in Parteihändeln u. bergt durch das Wort Gesinnungsgenossen zu werben,
so lange gab es auch noch keine prosaischen Nachrichten. In Liebern unb
Sprüchen würben bie Nachrichten in Umlauf gesetzt, würbe bie politische
Teilnahme bes Volkes geweckt unb genährt.
Mochten auch biese Lieber unb Sprüche häufig räumlich aus einen
engeren Kreis beschränkt bleiben, so war boch ihre Wirkung eine bebeutenbe
unb beachtenswerte. Ein Blick in bie Gestalt bes Lebens jener Zeiten läßt
uns bas vollstüubig begreifen. Das Tagestreiben ber Männer hatte ba-
mals einen viel öffentlicheren Charakter, als bie häusliche Zurückgezogenheit
unseres heutigen Lebens. Währenb ber in größeren Kreisen genossenen
Mahlzeiten ber Fürsten unb Herren, in ben Trinkstuben des Adels, in den
Zunfthäusern der Bürger, in den Badestuben, Schenken und Herbergen,
wo sich das Volk aller Klassen alltäglich versammelte, gab es immerwäh¬
rende Gelegenheit zn singen, zu lesen, zu erzählen. Die öffentlichen Nach¬
richten verbreiteten sich noch nicht durch Zeitungsblätter, hinter denen der
Einzelne still für sich lesend saß, sondern durch lebendigen Vortrag des