282 Die ältesten deutschen Zeitungen.
der früheren Zeit gar sehr zurück. Wo in In- und Ausland die Politik
nichts der öffentlichen Teilnahme dieser ermatteten Zeit Anlockendes bot,
da müssen die Fluten und Feuersbrünste, die Mißgeburten, Wundertiere
und Kometen aushelfen. So geht es fort, bis dann für die Niederlande
mit ihren Freiheitskriegen, für Deutschland selbst mit dem dreißigjährigen
Kriege eine fast überreiche Grummeternte politischer Volkspoesie beginnt.
Die erwähnte Zunahme der Zahl der seit dem Ende des 15. Jahr¬
hunderts erhaltenen Dichtungen hat natürlich zum Teil ihren Grund in
dem Beginn des Buchdruckes. Die frühere Zeit ist jedenfalls reicher, ja
unendlich viel reicher gewesen, als wir es aus den erhaltenen Dichtungen
ersehen können. Wie manches dieser Kinder des Augenblicks wird mit dem
nächsten Augenblick der Vergessenheit anheimgefallen fein; wie manches
wird niemals von einer schreibenden Feder aufgefangen, wie manches
auf losem Blättchen muß bald zerlesen und zerrissen worden sein. Der
gedruckten Exemplare waren dagegen sofort eine Menge da, von denen viel
leichter eines oder ein paar dem Untergange entgingen. Ohne Zweifel ist
aber ferner auch die Fruchtbarkeit der Dichtenden selbst durch den Buch¬
druck gemehrt worden, denn nachdem die kleinen fliegenden Blätter einmal
so beliebt und dem Volke zum Bedürfnisse geworden waren, fanden Ver¬
leger und Dichter bei jeder noch so dürftigen Reimerei, wenn sie nur irgend
etwas im Augenblick gerade Anziehendes enthielt, leicht ihre Rechnung.
Die wachsende Menge der politischen Dichtungen hat aber neben allen
diesen Anlässen doch darin ihren Hauptgrund, daß wirklich mit dem 16. Jahr¬
hundert von innen heraus eine Steigerung der schöpferischen Kraft im Volke
eintrat, daß überhaupt das 16. Jahrhundert für Deutschland einen neuen
Höhepunkt volkstümlichen Lebens bildet, dessen Eigentümlichkeit man sich
vergegenwärtigen muß, um den richtigen Maßstab für fein dichterisches
Treiben zu gewinnen.
Auch bei den prosaischen Zeitungen bietet das 16. Jahrhundert die
größte Fülle, sowohl in Bezug auf die Menge, als auch ans die mehr oder
minder geistvolle Art der Darstellung. Schon die Titel dieser Zeitungen,
wie sie Weller in dem oben angeführten Werke zusammenstellt, lassen einen
tiefen Blick in diese Flugblätterlitteratur thun und orientieren über Inhalt
und Form derselben. Wir teilen daher hier eine kleine Auswahl solcher
Titel mit.
Zum erstenmale erscheint der Name Zeitung auf dem Titel der „Copia
der Newen Zeitung aus Presilg (= Brasilien) Landt". Man hielt diese
Zeitung früher für einen Original-Reisebericht des Amerigo Vespucci, neuer¬
dings sind jedoch Zweifel daran laut geworden. Sie umfaßt vier Quart¬
blätter und ist gedruckt „zu Augspurg durch Ehrhard Oeglin" (1505).
Von großem Interesse ist: „Antzaygendt Newezeyttuug, wie es aigeudt-
lich mitt der schleicht vor Pavia, und als man erstlich von Lody anß gegenn
den feynden zogen ist, ergangen am freitag den vier und zwayntzigsten tag
Februarij: daran gefallen ist fant Mathias des hailigeu zwelf boten tag