130 Heinrich IV. zieht nach Canossa.
wünschten und sein eigenes Gewissen sagte ihm, auf dem Tage
zu Augsburg, in Gegenwart der Fürsten, die seine Übelthaten
wohl kannten, möchte seine Lossprechung schwer halten. Gregor
hatte bereits eingewilligt, nach Deutschland zu kommen; Heinrich
eilte daher, um ihm zuvorzukommen, nach Italien, wo'er den
Papst auf dem Schlosse der Markgräfin Mathilde zu Canossa
traf. Heinrich erschien barfuß und im Büßergewande vor den
Mauern des Schlosses, die Lossprechung vom Banne erflehend,
denn der Jahrestag desselben war ganz nahe und er wußte wohl,
daß die deutschen Fürsten dann nicht zögern würden, ihn förmlich
abzusetzen. Gregor weigerte sich anfänglich, den Gebannten vor¬
zulassen und wünschte seine Reise nach Deutschland fortzusetzen,
um^ dort mit den Fürsten gemeinsam über Heinrichs Sache zu
entscheiden. Er war in der That in einer peinlichen Lage. Ver¬
weigerte er die Lossprechung, so schien er hartherzig gegen den
Büßer; erteilte er sie aber, so brach er die mit den deutschen
Fürsten getroffene Vereinbarung, in Augsburg über den König
zu richten. Nun that ihm Heinrich einen mittelbaren Zwang da¬
durch au, daß er sich drei Tage laug vor dem Thore des Schlosses
als einen nach der kirchlichen Sitte der Zeit Büßenden zeigte.
So erteilte ihm Gregor die Lossprechung, indem Heinrich ver¬
sprach^ daß er sich wegen der Anklagen der deutschen Fürsten
gegen ihn, anf dem Reichstage zu Augsburg verantworten und
sich bis dahin der Regierung enthalten werde. Nach der Los¬
sprechung feierte der Papst das heilige Meßopfer und reichte dem
Könige zur Besiegelung seiner Wiederaufnahme in den Schoß
der Kirche den Leib des Herrn 1).
Es hat in Deutschland nicht an Schriftstellern gefehlt, die
diese Scene auf Canossa als einen Schmachflecken betrachtet ha¬
ben^ den ein übermütiger Priester der deutschen Nation Zugefügt.
Es ist diese Betrachtnugsweise vielleicht von allem, was die Ge¬
schichte aufzuweisen hat, die roheste Barbarei. Legen wir, wenn
auch nur einen Augenblick, die Vorurteile bei Seite, und beur¬
teilen wir die Handlungsweise des Papstes einfach nach den Grund¬
sätzen der Vernunft und der Gerechtigkeit. Von diesem Standpunkte
ans gesehen, erblicken wir in Gregor einen Mann, der ans einem
Stande hervorgegangen, wo damals für politische Zwecke völlige
1) Vor allem sei bemerkt, daß in der Form einer öffentlichen Buße
nach damaligen Vorstellungen durchaus nichts Entehrendes und Be¬
schimpfendes lag und andere Fürsten und Kaiser sich freiwillig noch viel
härteren Prüfungen unterworfen haben. So Kaiser Heinrich III der
«ater Heinrichs IV., und König Heinrich IL von England