Full text: Geschichte der neuen Zeit für Mittelschulen und zum Selbstunterricht (Theil 3)

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Zeitalter der Revolution. 
batte jetzt zu seinen andern Gewaltthaten die Verfolgung der Kirche ge¬ 
fügt und das Maß voll gemacht; die göttliche Gerechtigkeit war von 
ihm herausgefordert. 
Der Zwist mit seinem Bruder Ludwig bewies der Welt, daß er 
auch in seinen Blutsverwandten nur Knechte haben wollte und daß er 
sie unbedenklich opfere, wenn sich dieselben gegen die unwürdige Rolle 
sträubten. Dies vollendete die Ueberzeugung, daß der große Kriegs¬ 
meister der ärgste Despot war, der seit den römischen Cäsaren die Geißel 
über Europa geschwungen. 
Fünfundzwanzigstes Kapitel. 
Rußland. Lernadotte wird Kronprinz von Schweden. 
Nach dem Frieden von Tilsit hielt Alexander zu Napoleon und ver¬ 
größerte sein Reich, zwar nicht in dem Umfange wie Napoleon, deß- 
wegen aber auch um so dauernder. Es ist bereits angegeben, wie es 
Alexander nicht verschmähte im Tilsiter Frieden sich von Napoleon auf 
Kosten des gedemüthigten Preußen den Bialystocker Kreis geben zu 
lassen; im Kriege von 1809 nahm er als Napoleons Bundesgenosse 
nur mit einer geringen Macht Antheil, weil dieser Krieg die Polen 
wieder unter die Waffen rief und eine Vereinigung des österreichischen 
Polen mit dem Großherzogthum Warschau für das russische Polen die 
größte Gefahr bereitet hätte. Im Wiener Frieden erhielt Rußland 
jedoch den Tarnopoler Kreis von Oesterreich, und Napoleon beurkundete 
dadurch abermals, daß er an die Wiederherstellung Polens nicht denke. 
Dies war auch der größte Gewinn, welchen Rußland aus seiner Allianz 
mit Napoleon zog; es wäre 1807 in Napoleons Macht gestanden, das 
ganze polnische Reich wieder herzustellen und Rußland eine Schranke zu 
setzen, die es nicht so leicht mehr gebrochen hätte, aber er haßte alle 
nationale Erhebung bei andern Völkern; da er selbst Italien und Deutsch¬ 
land in Stücke riß und Spanien und Portugel ganz verschlingen wollte, 
so konnte er, der Verstümmler und Vernichter der Nationen, die pol¬ 
nische Nation nicht wieder Herstellen, ohne seine eigenen Thaten vor der 
Welt zu verurtheilen. Darum hielt er sich an die zweideutige Freund¬ 
schaft Rußlands und opferte derselben Polen. 
Kaum geringer war ein anderer Vortheil, den Rußland aus der 
Allianz mit Napoleon zog; dieser ließ ihm freie Hand gegen Schweden. 
Gustav IV., seit 1796 regierender König von Schweden, war Napo¬ 
leons erbittertster Feind; dabei mangelte es ihm aber noch viel mehr 
als seinem Vater Gustav HI. an der Klarheit des Blickes in die Welt-
	        
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