Dritter Abschnitt.
1. Der Harz. — 2. Das Riesengebirge. — 3. Aus dem Böhmerwald. — 4. Aus
dem Schwarzwald.
1. Der Harz.*)
Es ist ganz charakteristisch, daß die Römer von einem „hercynischen
Walde" sprachen, im Gegensatz zu den „Gebirgen" der Alpen; mit diesen
verglichen bildet der Harz blos eine bergige Waldregion, aus welcher
wohl einzelne kahle Gipfel hervorragen, aber doch nur als sanft ge-
krümmte Flächen mit vorherrschend horizontaler Dimension, während in
den Alpen der Fels und die senkrechte Ausdehnung entschieden hervor-,
der Wald aber zurücktritt. Darum wundert sich auch ein Harzer oder
Thüringer, wenn er in die Schweiz kommt, daß er dort so wenig eigent-
liche „Wälder" findet. Die Berge sind ein Erbtheil des deutschen Südens,
die Wälder ein Vorzug des deutschen Nordens, ein Vorzug, dessen sich
selbst die märkische Sandfläche erfreut, ,,wenn's auch dort nur Kiefern
hat". Uebrigens ist von der bergarmen norddeutschen Tiefebene aus
betrachtet der Harz ein ganz respectables Massengebirge, worauf der
Sachse mit Recht stolz sein kann, und dem Bewohner der Ebene im-
ponirt der Blocksberg fast noch mehr, als der Montblanc dem Bewohner
des Chamounythales.
Der „hercynische Wald" der Alten, der mit dem Thüringerwald und
Fichtelgebirge zusammenfloß, ist freilich nun sehr zusammengeschmolzen^)
und auf das eigentliche „Harzgebirge" zurückgeführt worden. Dieses
erstreckt sich in einer Länge von V2 Meilen und in einer Breite von
4 Meilen in südöstlicher Richtung von Lutter am Barenberge wo der alte
Tilly den Dänenkönig Christian IV. aufs Haupt schlug, und von der
alten Kaiserresidenz Goslar bei Mansfeld, dem classischen Boden Luther's.
So gerechnet, mag das hercynische Gebirgsland einen Boden von
*) Vgl. H. Pröhle (Grenzboten 1851, Nr. 25).
**) Noch jetzt heißt eine kleine Waldstrecke bei dem bernbnrgischen Orte Günthers-
berge die „Hercyne".